2. Advent

Lukas 21, 25 - 36

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Leuten bange sein, und sie werden zagen, denn das Meer und die Wasserwogen werden brausen, und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn auch der Himmel Kräfte werden
ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, so sehet auf und erhebet eure Häupter darum, daß sich eure Erlösung naht.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Sehet an den Feigenbaum und alle Bäume: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr sehets, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr dies alles sehet angehen, so wisset, daß das Reich Gottes nahe ist.
Wahrlich, ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß es alles geschehe. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht. Hütet euch aber, daß eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit Sorgen der Nahrung und dieser Tag nicht schnell über euch komme wie ein Fallstrick; denn er wird unversehens hereinbrechen über alle, die auf Erden wohnen. So seid nun wach allezeit und betet, daß ihr stark werden möget, zu entfliehen diesem allem, was geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn.

In diesem Evangelium predigt der Herr vom Kommen des letzten Gerichts und warnt und lehrt die Seinen, wie sie sich verhalten sollen. Er hält diese Predigt nicht den Gottlosen und Unchristen, sondern allein seinen Jüngern und Christen und teilt diese Predigt selbst in zwei Teile: der erste Teil ist eine Weissagung, darin er verkündigt, wie es gehen werde, wenn der Jüngste Tag kommen soll. Der zweite Teil ist eine Vermahnung, daß man beten und allezeit wach sein soll, auf daß man würdig sei diesem allem zu entfliehen, was geschehen soll, und vor des Menschen Sohn
zu stehen.  Die Gottlosen fragen nichts nach dem Jüngsten Tage, wenn er ihnen gleich jetzt auf den Fersen wäre.

Solche völlige Blindheit und unflätiger Aussatz ist in der Welt, daß sich ein Mensch vor dem Tod nicht fürchtet, obwohl er weiß, daß er sterben muß. Nun ist eines jeglichen Tod, wie Augustin sagt, sein Jüngster Tag. Darum ists ein schrecklich Ding, daß ein Mensch so sicher sein und sich weder vor dem Tode noch Jüngsten Tag fürchten soll, wie auch Augustin sagt: Lies alle Bücher, so ist kein schrecklicheres und greulicheres Bild auf Erden als der Tod, den man mit Sicherheit vor sich weiß, daß einer sterben muß, und dennoch in solchem Stand und Wesen lebt, darin er nicht gern sterben wollte. Ein zufälliger Tod ist nicht schrecklich im Vergleich zu solchem Tod. Es ist wohl schrecklich, wenn einer den Hals bricht, im Wasser ertrinkt oder sonst durch Zufall und plötzlich umkommt. Aber viel schrecklicher ists, wenn einer weiß, daß er ewig verloren sein soll, und sich gleichwohl nicht daran kehrt. So ist der Tod dem nicht schrecklich, der sich vor dem Tode nicht fürchtet und vom Tode nichts weiß, wie die kleinen Kinder und Gläubigen sich nicht vor dem Tode fürchten und nichts vom Tode wissen. Aber das ist ein schrecklicher Tod, den
man vor sich hat und in den man hinein muß, wie die Gottlosen und Ungläubigen den Tod vor sich haben und wissen, daß sie hinein müssen. Obgleich nun der Tod und das Jüngste Gericht, das auf den Tod folgt und den Gottlosen mit Sicherheit und allein gilt, schrecklich ist, verachten die Gottlosen dennoch auch in aller Sicherheit das Jüngste Gericht gleichwie sie den Tod nicht achten, den sie doch zu jeder Stunde erwarten müssen. Diese Sicherheit aber ist desto größer und schwerer, weil sie solches in bezug auf den ewigen Tod tun und ohne alle Sorge und Furcht dahinleben, ihr Saufen, Fressen, Geiz und andere Sünden und Laster um nichts mindern, bis sie der Jüngste Tag überfalle und sie mit Leib und Seele in die Hölle fahren und ewig verloren sind. Darum ists jetzt ein schrecklich Ding in der Welt, daß das Saufen, Fressen, Prahlen, Geld zusammenkratzen und andere Laster so überhand nehmen, daß dem niemand mehr steuern kann. Es graut einem, daß einer unter diesen Menschen leben soll. Etliche gedenken sich zu bessern, heben aber langsam an, etliche aber gedenken sich gar nicht zu bessern.

Darum predigt Christus hier allein seinen Christen und Gläubigen und tröstet sie, daß sie nicht erschrecken sollen, durch was für einen Tod sie auch umkommen. Denn sie haben einen gnädigen Gott, der seinen lieben Sohn für sie gegeben hat, warum wollten sie sich denn fürchten? Glaubst du nun an Christus, und brichst du gleich den Hals oder ertrinkst im Wasser oder kommst auf andere Weise um, oder der Jüngste Tag nimmt dich dahin, so schadets dir nicht. Denn du hast einen gnädigen Gott und einen treuen Erlöser, warum wolltest du dich denn fürchten, da Gott dein Freund ist und Christus für dich gestorben ist? Solchen Menschen, die sich darein ergeben haben zu sterben, ist dieses Evangelium gepredigt, den Gottlosen aber ists nicht gepredigt. Denn wenn sie gleich die Zeichen der Zeit mit den Händen greifen, fragen sie gleichwohl nichts danach.

Darum lasse man sie an den Galgen dahinfahren. Uns aber laßt unter dem Häuflein gefunden werden, welches an Gott glaubt und ihn fürchtet, nicht als einen Richter, sondern als einen Vater. Denn es ist genug an dem, daß die Gottlosen ihn als einen Richter fürchten müssen.

So sagt nun Christus, werde es vor dem Jüngsten Tage zugehen. Die Welt wird runzlig und gar scheußlich und schrecklich werden. Das Auge der Welt ist die Sonne. Eben nun wie ein Mensch runzlig wird und verfällt, wenn er sterben soll - die Augen heben an zu brechen, der Mund beginnt bleich zu werden: so wird auch, wenn die Welt zerbrechen und ein Ende nehmen soll, die Sonne dunkel werden, und Erdbeben werden geschehen, und den Leuten wird bange sein. In Summa: Himmel und Erde werden sich stellen, als wollten sie sterben. Fürchtet euch aber nicht, wenn gleich das Meer brausen wird und die Wellen daherfahren werden, als wollten sie über euch zusammenschlagen.

Wenn ihr nun solches werdet geschehen sehen (sagt Christus zu seinen Christen, denn die Gottlosen verstehen nichts davon), so erschrecket nicht, sondern sehet fröhlich auf und hebet die Köpfe in die Höhe; denn es gilt euch, eure Erlösung nahet sich. Denn bald darauf wird der Tag des Herrn kommen. Alsdann wird sich das Spiel umkehren: die zuvor hier auf Erden in diesem Leben reich, gewaltig, fröhlich und glücklich gewesen sind, werden alsdann traurig und verdammt sein. Und umgekehrt werden die Frommen und Gottesfürchtigen, die hier auf Erden unterdrückt und elend sind, alsdann herrschen. Darum laßt danach die traurig sein, die jetzt Geld sammeln, zusammenscharren und -kratzen, dem Evangelium gar nichts glauben, nichts vom Tode hören wollen und sagen, sie wollten hundert Jahre hier gut leben und unserem Herrgott sein Himmelreich überlassen. Ihr aber seid fröhlich und guter Dinge, denn der Tag eurer Erlösung ist nahe.

Diese süßen und lieblichen Worte wollte unser Herr Christus den Jüngern und seinen Christen gerne ins Herz prägen, daß sie vor den Zeichen nicht erschrecken, sondern daran denken sollen, daß dies den bösen Buben gelte und nicht den Christen.

Das Gleichnis von den Bäumen, das Christus seinen Jüngern und Christen gibt, damit er ihnen den Trost desto besser einprägen möchte, ist lieblich. Unser Herrgott hat den Jüngsten Tag nicht allein in die Bücher, sondern auch in die Bäume hinein geschrieben, damit wir, so oft wir die Bäume im Lenz ausschlagen sehen, stets an dieses Gleichnis und an den Tag des Herrn denken. Die Blätter an den Bäumen zeigen nicht den Winter an, daß es frieren, schneien und kalt werden soll, sondern zeigen die fröhliche Zeit an, nämlich den Lenz und den Sommer. So sollt auch ihr, sagt Christus, wenn ihr diese Zeichen sehet, fest der Meinung sein, daß die Zeit eurer Erlösung da ist, daß ihr von allem Unglück und aus diesem Jammertal erlöst werden sollt. So lehrt uns Christus hier, daß wir die Zeichen rechtschaffen ansehen lernen und wissen, daß wenn die Zeichen erscheinen werden, uns unser Herrgott aus der Welt und aus diesem Jammertal nehmen und in ein solch Leben setzen wolle, da kein Unglück noch Traurigkeit sein werde. Die Gottlosen sehen die Zeichen nicht so an, aber die Christen folgen der Lehre Christi, ihres Herrn, und sehen die Zeichen an als sichere Anzeigung ihrer Erlösung.

Es folgt nun die Warnung und Vermahnung, daß die Christen wach sein und beten sollen. Christus sagt, daß die Welt vor dem Jüngsten Tage fressen und saufen und der Nahrung halber scheußlich sorgen, zusammenkratzen und -scharren werde, wie wir denn jetzt vor Augen sehen. Man sagt in einem allgemeinen deutschen Sprichwort: Je länger, je ärger, je älter, je kärger. Die alten Leute sammeln Geld und könnens nicht angreifen, da sie doch nicht wissen, ob sie heute noch, geschweige denn morgen leben werden. So, sagt Christus, wird es auch gehen, wenn die Welt alt werden wird. Dann wird sie auch zusammenscharren und -kratzen und sie wird bauen, pflanzen, freien und sich freien lassen, wie er anderswo sagt (Luk. 17, 26 f.), gleichwie zu der Zeit Noahs vor der Sintflut. Gott ließ die Welt durch Noah warnen und die Sinflut hundertundzwanzig Jahre zuvor verkündigen, aber was tat die liebe, schöne Welt? Sie ließ es sich wie gegen eine Mauer predigen, die Menschen aßen, tranken, freiten und ließen sich freien, bis zu dem Tag, da Noah zu der Arche einging. Da gings auch so zu: als sie sich dessen am allerwenigsten versahen, überfiel
sie die Sintflut und nahm sie alle dahin. Zu dieser unserer Zeit ist auch ein solch Hantieren, Sorgen, Fressen, Saufen, daß es über alles Maß ist; es ist keine Treue, kein Glaube mehr in den Menschen auf Erden.

Darum warnt und vermahnt Christus seine Jünger und Christen und sagt: Sehet euch vor, ihr lieben Kinder, »daß eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit Sorgen der Nahrung«. Denn wenn die Welt am höchsten prangen, zusammenscharren und -kratzen wird, wirds ein sicheres Zeichen sein, daß der Tag meiner letzten Ankunft nicht ferne sein wird. Und dieser Tag wird sie alsdann schnell und in einem Hui überfallen. Einen wird er Geld zählen finden, den andern saufen und schwelgen, den dritten tanzen und springen. Gleichwie ein Fangnetz die Vöglein schnell überfällt und sie, ehe sie es gewahr werden, gefangen und erwürgt sind, so wird auch dieser Tag schnell und unversehens über alle kommen, die auf Erden wohnen. Darum hütet euch vor Fressen und Saufen und Sorgen wegen der Nahrung.
    
Jemand möchte sagen: Soll man denn nicht essen und trinken? Soll man sich denn nicht nähren? Soll man nicht arbeiten und sorgen? Antwort: Ja, essen und trinken muß man, ebenso ist die Nahrung und Arbeit nicht verboten; sondern der Geiz ist verboten. Christus läßt seinen Jüngern und allen Christen zu, daß sie sich nähren, den Acker bauen und arbeiten. Denn er weiß wohl, daß seine Christen, dieweil sie in der Welt sind, Essen, Trinken, Kleidung und Nahrung bedürfen und haben müssen. Die Sorge aber und den Geiz verbietet er. Wir sehen jetzt in der Welt, daß alles hoch hinaus will und steigt, was ein sicheres Zeichen dafür ist, daß der Jüngste Tag nicht weit ist.
    
Deshalb sagt Christus: Wenn ihr solche Zeichen, dazu solche greuliche Sicherheit der Welt, Saufen, Fressen, Zusammenscharren und -kratzen sehen werdet, sollt ihr denken, daß eure Erlösung da ist. Seid nicht traurig, denn der Zorn geht über die Welt. Die wird an dem Tage mit ihren Kindern in einem Augenblick ganz tot sein. Ihr aber, meine Jünger und Christen, sagt Christus, seid nicht in der Welt, sondern seid allein Gäste und Fremdlinge darin, und die Welt ist nur eure Nachtherberge. Darum seid allezeit wach und vergesset das Vaterunser nicht, sondern betet, daß Gottes Reich zu euch komme, wie ich euch gelehrt habe.

Es redet Christus hier aber nicht von natürlichem Schlafen oder Wachen, daß der Leib immerdar wachen und weder Tag noch Nacht schlafen solle, was unmöglich ist. Sondern er redet von dem geistlichen Wachen, daß unsere Seele und Geist allezeit wache und daß wir fleißig beten und an den Jüngsten Tag denken. Wenn wir das tun werden, wird uns dieser Tag nicht schnell überfallen, wie er die Gottlosen überfallen wird. Wie auch Paulus 1 Thess. Kap. 5 einen Unterschied macht zwischen den Kindern der Finsternis und zwischen den Kindern des Lichts und Vers 2-5 sagt: »Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, dann wird sie das Verderben schnell überfallen, gleichwie der Schmerz ein schwangeres Weib, und werden nicht entfliehen. Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichts und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis«.
    
So will nun Christus, daß wir wach sein und uns in Gottesfurcht und gutem Gewissen halten und beten sollen, daß wir aller Anfechtung und Jammer entfliehen und vor des Menschen Sohn würdig stehen können. Petrus lehrt auch so und ermahnt (2. Petr. 3, 11 f.): »Wenn das alles soll so zergehen, wie müßt ihr da geschickt sein in heiligem Wandel und gottesfürchtigem Tun, die ihr wartet und eilet zu der Ankunft des Tages Gottes«. Das verleihe uns allen unser Herr und Erlöser Jesus Christus, Amen.