Der Brief des Paulus an die Philipper


Philippi ist eine Stadt gewesen, vorne an Mazedonien gelegen, die Philippus, der König von Mazedonien, sehr erweitert und nach seinem Namen Philippus genannt hat, die zuvor Crenides geheißen hat. Der Apostel Paulus ist durch eine göttliche Erscheinung nach Mazedonien berufen worden, damit er das Evangelium Christi dort predigen sollte. Denn als er sich mit Silas in Troada aufgehalten hatte, hatte Paulus in der Nacht eine Erscheinung: Da stand ein Mann aus Mazedonien vor ihm und bat ihn und sagte: Komm nach Mazedonien und hilf uns. Daraufhin sind Paulus und Silas nach Mazedonien gezogen und nach Philippi gekommen. Dort hat Paulus das Evangelium von Christus gepredigt und aus einer Magd, die von einem Geist der Weissagung besessen war, diesen Geist ausgetrieben. Als aber der Genies, der zuvor der Herr dieser Magd, die mit dem Wahrsagen, das sie zuvor getan hatte, aufhörte, erregen sie gegen Paulus und Silas einen Aufruhr. Sie ziehen sie vor den Richterstuhl der Obrigkeit und bringen so viel zuwege, dass sie, die Apostel Christi, öffentlich mit Ruten geschlagen und ins Gefängnis geworfen wurden. In der Nacht aber lässt Gott der Herr durch ein Erdbeben das Gefängnis öffnen. Über dieses Wunderwerk war der Kerkermeister dermaßen erschrocken, dass es sich selbst umbringen wollte, was auch geschehen wäre, wenn ihn Paulus nicht gehindert hätte, der sich später mit seinem ganzen Personal zu Christus bekehrt und getauft hat {Apg 16}. Obwohl nun Paulus und Silas, auf die Bitte der Obrigkeit von Philippi, bald danach abreisen, haben sie doch dort dem Herrn Christus durch ihr Predigtamt eine gottselige Kirche gepflanzt. Damit nun Paulus diese in der Religion und im Glauben stärkte, hat er diesen Brief aus Rom, als er dort gefangen gehalten wurde, den Philippern schreiben wollen. Der Apostel rühmt die Philipper wegen ihres besonderen Eifers im wahren Glauben und in der Gottseligkeit und ermahnt sie in den ersten beiden Kapiteln, dass sie in diesem heiligen Vorsatz tapfer fortfahren sollen, mit einer angehängten Erinnerung, dass sie sich vor denen hüten und vorsehen sollen, die von Christus nicht recht lehren. Im 3. Kapitel widerlegt er die falschen Lehrer, die die Gerechtigkeit vor Gott aus den Werken des Gesetzes zu erlangen lehrten. Im 4. Kapitel ermahnt er sie zur Einigkeit und zum ehrbaren, christlichen Wandel. Er dankt ihnen auch für die Steuer, die sie ihm zu seiner Unterhaltung geschickt hatten.


Das 1. Kapitel


I. Nach der Unterschrift, Überschrift und dem Gruß dankt der Apostel Gott, dass er die Philipper mit der Erkenntnis der Wahrheit erleuchtet hat und er wünscht ihnen, dass sie an notwendigen Gaben zunehmen mögen. II. Danach lehrt er, wie die christliche Religion auch in den Fesseln, die ihm (Paulus) angelegt worden sind, zunimmt. III. Und er sagt, er sei bereit, zu sterben, aber zum Vorteil der Kirche wünscht er sich selbst ein längeres Leben. IV. Ferner fügt er eine Ermahnung hinzu, dass sie sich um Einigkeit bemühen sollen und das Bekenntnis des Evangeliums nie mehr fallen lassen.

1. Paulus und Timotheus, Knechte Jesu Christi: Allen Heiligen in Christo Jesu zu Philippi samt den Bischöfen und Dienern.

Knechte Jesu Christi: In Ausbreitung und Fortpflanzung seines Evangeliums. Dies ist die Unterschrift des Briefes. Ein treuer Knecht aber weicht von dem Befehl seines Herrn nicht ab, entzieht ihm nichts und fügt auch nichts hinzu. Aber der Papst in Rom, der so viel von den Aposteln Petrus und Paulus, als seinen Vorgängern, fälschlicherweise rühmt, handelt ganz anders. Denn er verbietet, was Gott zugelassen und befohlen hat, und er lässt zu, was Gott verboten hat. Darum ist er kein Knecht Christi, sondern ein rechter Antichrist, der sich über alles, was Gott fordert, erhebt {2Thes 2}. Paulus zieht den Timotheus als Gehilfen zu sich, damit er mit seinem Beispiel die Kirchendiener an die Mäßigkeit erinnert, damit sie nicht aus Ehrgeiz alles allein und ohne Gehilfen machen möchten, in dem Sinn, dass sie allein alle Ehre davontragen möchten.

allen Heiligen: Das bedeutet, all denen, die wahrhaftig an Christus glauben und durch das Blut Christi geheiligt sind. Und dies ist die Überschrift des Briefes. Es sind alle die heilig, so viele von ihnen an Christus glauben. Denn denen wird durch den Glauben die Heiligkeit Christi zugerechnet, und sie werden durch den Geist Gottes geheiligt und erneuert {1Kor 6}. Aber der Papst in Rom hat etliche unter die Zahl der Heiligen untergeschoben, von denen man große Ursachen hat, daran zu zweifeln, ob man sie auch im Himmel finden wird.

Bischöfen und Dienern: Die Bischöfe werden hier Lehrer und Regierer der Kirchen genannt, denen die Aufgabe obliegt, die Kirche Gottes zu lehren und zu regieren. Heutzutage gehen die Bischöfe größtenteils mit weltlichen Sachen um. Die Diener oder Diakone verwalten die Güter der Kirche, wovon die Kirchendiener und die Armen unterhalten werden, die auch gelegentlich lehrten, wie es das Beispiel des Stephanus bezeugt {Apg 6}. Es ist deswegen nicht nur nötig, dass die Kirche mit der Lehre recht unterrichtet wird, sondern man muss auch Aufseher, Bischöfe oder Superintendenten haben, damit sich nicht falsche Lehren oder grobe Laster in den Kirchen einschleichen. Und dazu muss man fromme und gottesfürchtige Männer wählen, denen die Kirchengüter anvertraut und anbefohlen werden.

2. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesu Christo!

Gnade: Dies ist der Gruß. Hier bedeutet aber die Gnade Gottes und Güte, was das höchste Gut ist, das einem Menschen widerfahren kann. Denn es ist eine schreckliche Plage und gräuliche Pein, wenn einer spürt, dass er einen zornigen Gott hat. Der Friede bedeutet Ruhe und Glückseligkeit. Aber der innere Friede des Herzens und Gewissens übertrifft die äußere Ruhe sehr weit, die zwar auch eine herrliche Gabe Gottes ist. Wenn uns also ein zeitliches Glück widerfährt, so sollen wir dieses mit dankbaren Herzen und in der wahren Furcht Gottes annehmen und das Fleisch im Zaum halten. Es werden aber die oben erwähnten, sowohl geistlichen als auch leiblichen Guttaten von Gott gegeben, dem wir sie auch allein zumessen sollen, und nicht unserer Aufrichtigkeit, Geschwindigkeit oder Würde. Und er gibt sie uns, weil er unser gnädiger und gütiger Vater ist, der uns als Kinder liebt. Es kommen auch diese Guttaten ebenso wohl von dem Herrn Jesus Christus, als auch vom Vater, nicht nur deswegen, weil sie Christus für uns erworben und verdient hat, sondern auch, weil er wahrer Gott ist, gleich ewig und eines Wesens mit dem Vater. Solche Guttaten nun wünscht Paulus den Philippern, weil er wusste, dass die Wünsche der Frommen, Gottseligen, kräftig sind {Mt 10}, und weil Gott seine Gaben in den Gläubigen vermehren und bestätigen will.

3. Ich danke meinem Gott, so oft ich euer gedenke

Ich: Es folgt der Beginn, worin sich Paulus den Philippern freundlich zuwendet und sie sich gewogen macht, indem er anzeigt, wie sehr er sie liebt.

4. (welches ich immer tue in allem meinem Gebet für euch alle, und tue das Gebet mit Freuden),

Gebet: Zu Gott, dem himmlischen Vater, dass er damit fortfährt, mit seiner väterlichen Gnade bei euch zu bleiben und seine Gaben in euch vermehrt, und dies mit inbrünstigem Geist tut. Denn wir sollen nicht nur für uns, sondern auch für andere, denen Gott der Herr Gutes tut, für seine göttliche Güte Lob und Dank sagen. Weil die Danksagungen Gott angenehme Opfer sind {Hebr 13}. Wir sollen aber sicher glauben, dass Gott unser Gott ist, das ist: Dass er uns um Christi willen gnädig ist und er uns allerlei Guttaten mitteilen möchte. Auch sollen die Kirchendiener für die ihnen anbefohlen Herde, und allgemein für die anderen Christen, einer für den anderen bitten, was Gott dem Herrn angenehm und der Kirche nützlich ist. Die Kirche aber soll sich so verhalten, dass der jeweilige Kirchendiener mit freudigem Herzen für sie bitten kann und nicht seufzen muss, wenn er an ihre undankbaren und widerspenstigen Zuhörer denkt. Darauf steht den Zuhörern ihr Verderben {Hebr 13}.

5. über eurer Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute.

Gemeinschaft: Als wollte er sagen: Ich sage Gott dem Herrn Lob und Dank, dass er euch der geistlichen Guttaten teilhaftig gemacht hat, die den Menschen im Evangelium vorgetragen, angeboten und ausgeteilt werden, und wünsche euch von Herzen Glück, dass ihr nicht allein am Anfang, als wir euch das Evangelium predigten, ihr dieses mit großem Eifer angenommen habt, sondern auch im wahren Glauben, bis auf den heutigen Tag beständig geblieben seid. Denn diejenigen bleiben in der Gemeinschaft der himmlischen Güter, die uns im Evangelium vorgelegt werden. Die bei der rechten Religion und Gottseligkeit bis ans Ende beharren. Es kann aber einem Land oder einer Stadt keine größere Guttat widerfahren, als wenn dort die reine Lehre des Evangeliums von Christus mitgeteilt wird. Denn sie bekommen zugleich auch Vergebung der Sünden, Gottes Gnade, väterlichen Schutz, schließlich auch das ewige Leben und somit die besten Güter, sofern sie nur aus wahrem Glauben das Evangelium Christi annehmen. Im Gegensatz dazu werden, wenn das Evangelium Christi aus Undankbarkeit der Menschen weggenommen und entzogen wird, alle Güter verloren, und es folgt ein nicht auszuhaltender Hunger und Durst auf das göttliche Wort, was der Prophet Amos androht, Kapitel 8.

6. Und bin desselben in guter Zuversicht, dass, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.

Vollführen: Und euch in der wahren Erkenntnis Gottes und Gottseligkeit erhalten, dass ihr den großen Tag unseres Herrn und Heilands, Jesus Christus, mit Freuden erwarten könnt, an dem eure Seligkeit und ewige Wohlfahrt vollkommen offenbar werden wird. Man soll deswegen das Vertrauen zu Gott haben, dass wir nicht nur jetzt bei ihm in Gnaden sind, sondern auch, dass Gott uns bis ans Ende im wahren Glauben erhalten wird, damit wir endlich mit ewiger Herrlichkeit beschenkt werden. Darum lehren die Katholiken unrecht, dass man zweifeln soll, ob man bei Gott in Gnade ist oder nicht und ob wir in dieser bis ans Ende beharren können?

7. Wie es denn mir recht ist, dass ich dermaßen von euch allen halte, darum, dass ich euch in meinem Herzen habe in diesem meinem Gefängnis, darin ich das Evangelium verantworte und bekräftige, als die ihr alle mit mir der Gnade teilhaftig seid.

Allen halte: Denn wir sollen von unseren Mitbrüdern in Christus ständig das Beste hoffen und uns alles Gute von ihnen erwarten, bis wir das Gegenteil erfahren.

Herzen habe: Denn damit wir von unserem Nächsten eine gute Meinung haben, so ist es notwendig, dass eine rechtschaffene Liebe in uns ist. Darum setzte der Apostel den Grund seines Vertrauens, das er zu den Philippern hat, hinzu und sagt, wie herzlich er sie liebt, dass sie ihm niemals mehr aus seinem Herzen gerissen werden können. Es sollen deswegen die Kirchendiener ihre Zuhörer herzlich lieben. Und wir sollen allgemein unsere Mitbrüder in Christus nicht vergessen, sondern für sie bitten und Gott danken, auch wenn wir selbst in Trübsal stecken.

Verantworte: Und gebrauche gegen die Lästerung der Juden und Heiden, die Wahrheit der evangelischen Lehre bestätige. So kommt es dann, dass ich viele Widerwärtigkeiten um Christi willen ständig erleide, aus denen ich mich leicht entziehen könnte, wenn ich das Bekenntnis des Evangeliums fahren lassen würde. So sollen auch wir die Lehre des Evangeliums gegen die Lästerungen der Feinde benutzen und sicher wissen, dass durch unsere Trübsal, die wir um des Bekenntnisses der reinen Lehre willen ausstehen, die Lehre des Evangeliums in den Herzen vieler Menschen wunderbar bestätigt wird.

Teilhaftig seid: Das ist der Grund, warum ich euch liebe, weil ich weiß und erkenne, dass ihr der Gnade und Güte Gottes mit teilhaftig seid, die uns durch Christus begegnet. Deshalb soll die Gnade Gottes unsere Herzen in der wahren und rechtschaffenen Liebe verbinden, damit wir als die Glieder eines Leibes mit dem Gebet und anderen Diensten einander helfen.

8. Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Jesu Christo.

Denn: Paulus ist noch am Anfang dieses Briefes und bezeugt ausführlich seine rechtschaffene und herzliche Liebe gegenüber den Philippern.

Jesus Christus: Den ihr mit mir erkennt und liebt. Wenn man aber Gott zum Zeugen anruft, ist dies nichts anderes, als bei Gott zu schwören. Darum fantasieren die Wiedertäufer, die sagen, dass alle Eide grundsätzlich verboten sind. Weiter gibt diese Liebe des Paulus, womit er den Philippern zugetan und gewogen ist, zu erkennen, was es für einen Unterschied gibt zwischen rechtschaffenen, reinen Lehrern des Evangeliums und den Leiharbeitern, die die Kirche weder lieben noch sich für sie sorgen.

9. Und darum bete ich, dass eure Liebe je mehr und mehr reich werde in allerlei Erkenntnis und Erfahrung,

Bete ich: Und bitte mit meinem Gebet täglich bei Gott, dass ihr in der wahren Liebe gegenüber Gott und den Nächsten immer zunehmt und gleichsam reicher werdet. Dass ihr auch zugleich in der wahren Erkenntnis Gottes und in der Erfahrung geistlicher Sachen tapfer fortschreitet, damit ihr in all eurem Tun wählen könnt, was das Beste ist und zur Ehre Gottes und auch zur Wohlfahrt des Nächsten am dienlichsten ist. Denn danach sollen wir trachten, dass wir in der Erkenntnis Gottes und in der Liebe immer weiter vorankommen und kräftiger werden. Und man muss unter zwei Gütern immer das Beste erwählen.

10. dass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, auf dass ihr seid lauter und unanstößig bis auf den Tag Christi {Röm 2v18 12v2},

Lauter und unanstößig: Darum sollt ihr euch um die wahre Gottseligkeit bemühen, damit ihr als rein und ohne Heuchelei befunden werdet, als solche, die in rechtschaffener Einfalt des Herzens Gott dienen, und euch am großen Tag des Herrn kein Schaden oder Nachteil entsteht, sondern ihr von aller Gefahr befreit bleibt. Dies wird dann geschehen, wenn ihr reich an guten Werken sein werdet, wie an Früchten der Gerechtigkeit Christi, die uns durch den Glauben zugerechnet wird. Denn Christus wirkt in euch, dass ihr zum Lob und zur Ehre Gottes reiche Früchte bringt, zumal sein Name dadurch gerühmt und gepriesen wird, wenn ihr ein Leben führt, wie es Christenmenschen zusteht. Mit diesen Worten werden wir daran erinnert, dass die Heuchler keinen Anteil am Reich Gottes haben. Dass auch unsere guten Werke, als Früchte eines guten Baumes, Zeugen eines wahren Glaubens an Christus sind (daher wird Christus sagen: Kommt her, ihr Gesegneten usw. Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist usw. {Mt 25}.) dass Christus in uns wirkt, weil wir ohne ihn nichts tun können {Joh 15}. Denn Gott krönt seine Gaben in uns. Und schließlich, dass man gute Werke tun soll, nicht in dem Sinn, als ob wir damit das ewige Leben verdienen könnten, sondern dass die Menschen unsere guten Werke sehen und den Vater preisen, der im Himmel ist {Mt 5}.

11. erfüllt mit Früchten der Gerechtigkeit, die durch Jesum Christus geschehen (in euch) zu Ehre und Lobe Gottes.] {Joh 15v4 v5 Mt 5v16 1Petr 2v12}.

12. Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder, dass, wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten,

Ich: Jetzt erzählt Paulus den Philippern, wie die christliche Religion auch in Rom, durch seine Gefangenschaft, ausgebreitet wurde, und er ermahnt sie, dass sie wohl zufrieden und guten Mutes sein sollen, und wegen seiner Gefangenschaft nicht kleinmütig werden.

Geraten: Als wollte er sagen: Ich kann euch zu eurem Trost nicht vorenthalten, dass das, was mir bisher hier in Rom Widerwärtiges begegnet ist, vielmehr zur Beförderung des Evangeliums Christi, als dessen ein Hindernis ist. Denn auch im Gericht, am Hof des Kaisers, wird von mir gesagt, dass ich wegen keines anderen Grundes gefangen und gebunden bin, sondern allein, weil ich Jesus Christus, den Heiland der Welt, verkündige. So wird die Lehre des Evangeliums nicht unterdrückt, sondern vielmehr ausgebreitet und bekannt gemacht. Denn die Verfolgungen bringen die sicheren und unbedachten Menschen auf, dass sie nach der Religion, worüber man streitet, fragen, die Wahrheit erkennen und selig werden. Darum vertilgen die Verfolgungen die Kirche nicht, sondern befruchten sie vielmehr, dass sie gemehrt und weiter ausgebreitet wird. Wenn deshalb eine Verfolgung hereinfällt und vorhanden ist, so sollen wir nicht denken, das Evangelium werde zu Grunde gerichtet und Gott würde vom Himmel gestürzt werden.

13. also dass meine Bande offenbar geworden sind in Christo, in dem ganzen Richthause und bei den andern allen,

14. und viele Brüder in dem Herrn aus meinen Banden Zuversicht gewonnen haben, und desto eifriger geworden sind, das Wort zu reden ohne Scheu.

Viel Brüder: Die neben mir den Herrn Jesus Christus erkennen und ehren.

Ohne Scheu: Paulus erzählt noch einen anderen Nutzen der Verfolgungen. Nämlich, weil etliche Christen in Rom sehen, dass ich (sagt er) um Christi willen nicht allein die Gefangenschaft geduldig erleide. Sondern auch bereit bin, um seinetwillen zu sterben, sind sie durch meine Geduld und Standhaftigkeit, die Trübsal zu erleiden, in ihrem Glauben gestärkt worden, dass sie auch das Evangelium verkündigen. Dieses auch mit großer Freude und Tapferkeit tun und sie sich durch keine Gefahr davon abschrecken lassen. Denn es geschieht oftmals, dass zu Zeiten der Verfolgung etliche aufgemuntert werden, die mit einem viel größeren Eifer die Lehre der himmlischen Wahrheit ausbreiten und handhaben, als es zur Zeit des Friedens geschehen ist. Und die, die in ruhigen Zustand das Ansehen hatten, als würden sie die Religion nicht besonders beachten, die bekennen in Zeiten der Verfolgung die reine Lehre beständig, wo andere sich nichts davon anmerken lassen.

15. Etliche zwar predigen Christus auch um Hasses und Haders willen, etliche aber aus guter Meinung.

Etliche: Paulus zeigt an, durch welch verschiedene, ja sogar widerwärtige Gelegenheiten die Lehre des Evangeliums und das Gerücht von Christus in Rom ausgebreitet worden ist.

Haders willen: Wie es besonders die verstockten und widerspenstigen Juden tun {Apg 28}. Die vom Evangelium Christi reden und es verlästern und inzwischen dennoch vom Sinn des Evangeliums vor anderen Leuten sprechen, obgleich sie es beschimpfen. So weise ist Gott, dass er auch das Wüten der Feinde, die die rechte Religion verlästern, zur Fortpflanzung seines Evangeliums gebrauchen kann.

Guter Meinung: Dass sie das Reich Christi fördern möchten.

16. Jene verkündigen Christus aus Zank und nicht lauter; denn sie meinen, sie wollen eine Trübsal zuwenden meinen Banden.

Nicht lauter: Sie reden von Christus nicht mit aufrichtigem, sondern mit falschem Herzen, und bestreiten, dass die Lehre des Evangeliums nicht richtig sei.

Zuwenden: Sie erhoffen auch dadurch, mich in meinem Gefängnis in noch größere Gefahr zu bringen.

17. Diese aber aus Liebe; denn sie wissen, dass ich zur Verantwortung des Evangeliums hier liege.

Aus Liebe: Gegenüber Gott und dem Nächsten und weil sie mich, als einen Diener Christi, rechtschaffen lieben, so haben sie das Evangelium beständig im Mund, rühmen es und verteidigen meine Person gegen die boshaften Lästermäulern.

Hier liege: Im Gefängnis, nicht wegen einer Übeltat, sondern wegen der rechten Religion.

18. Was ist ihm aber denn? Dass nur Christus verkündigt werde auf allerlei Weise, es geschehe zufällig oder rechter Weise; so freue ich mich doch darin und will mich auch freuen.

Aber denn: Als wollte er sagen: Es ist nichts daran gelegen, es ist mir auch nicht zuwider, dass das Gerücht von Christus auf allerlei Weise, dazu auch von den Feinden ausgebreitet wird.

Auch freuen: Ob die Feinde von meiner Gefangenschaft Anlass und Gelegenheit nehmen, von der christlichen Religion zu reden, oder sich etlicher Menschen befleißigen, die Lehre des Evangeliums von Christus mit Ernst auszubreiten, beides lasse ich geschehen und nehme es an, nur damit der Name Christi unter den Juden und Heiden bekannt wird und ich das Evangelium auch in Italien bis nach Rom ausgebreitet habe. Dies habe ich zwar mit Fehlern und großer Mühe und unter großer Gefahr meines Leibes und meines Lebens getan. Es spricht aber der Apostel Paulus an dieser Stelle nicht von den falschen Aposteln, die auch Christus predigten, aber nicht rein. Sondern die das Gesetz und das Evangelium miteinander vermischten. Denn welche die rechte Lehre verfälschen, die pflegen mehr Schaden in der Kirche anzurichten als diejenigen, die das Evangelium ganz und gar zu unterdrücken versuchen.

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19. Denn ich weiß, dass mir dasselbe gelingt zur Seligkeit durch euer Gebet und durch Handreichung des Geistes Jesu Christi

Ich weiß: Und bin sicher, dass mir die Arbeit meines Predigtamts zu großer Ehre und himmlischer Seligkeit gereichen wird, weil ich weiß, dass ihr von Herzen darum bittet, dass ich möglichst beständig und treu mein Amt verrichte bis an mein letztes Ende und die verheißene Seligkeit und Herrlichkeit nicht verfehlen und dass euer Gebet nicht vergebens sein wird. So wird mir der Herr Jesus Christus seinen Heiligen Geist verleihen, der mich regiert und stärkt. Darum werde ich nicht mit Schanden bestehen noch das Bekenntnis des Evangeliums wegen der Gefahren und Trübsalen schändlich fahren lassen, sondern Christus vielmehr unerschrocken und mit Freude bekennen, sodass, wie es bisher bereits geschehen ist, auch in Zukunft der Name Christi durch meine Arbeit und Mühe weiterhin gerühmt und gepriesen wird, egal, ob ich noch länger am Leben bleiben oder um seines Namens willen umgebracht werde. Denn es werden die mit größerer Herrlichkeit im Himmel beschenkt werden, die ihre Gaben zur Ehre Gottes und zur Seligkeit der Kirchen vor anderen besser gebraucht und angelegt haben. Und es kann uns das Gebet der Kirche sehr behilflich sein, dass wir unser Amt ohne Scheu und mit Freuden verrichten und im rechten Glauben samt der Gottseligkeit beständig bis ans Ende beharren. Es hilft uns auch der Geist Christi in unserem Amt und stärkt uns in der Gefahr. Darum sollen wir Christus mit unerschrockenem Herzen bekennen. Die Ehre Christi aber wird befördert, nicht nur, wenn sein Evangelium durch uns gepredigt und sein Name gepriesen wird, sondern auch, wenn wir um des Evangeliums Christi willen den Tod leiden. Denn unser Tod oder unsere Marter ist ein eigentliches Zeugnis von der Wahrheit der himmlischen Lehre.

20. wie ich endlich warte und hoffe, dass ich in keinerlei Stück zuschanden werde, sondern dass mit aller Freudigkeit, gleichwie sonst immer, also auch jetzt, Christus hoch gepriesen werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.

21. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

Mein Gewinn: Als wollte er sagen: Ich bin so eingestellt, dass ich mein ganzes Leben und all mein Handeln darauf ausrichtete, dass ich Christus, meinem Heiland, diene. Und wenn er es für gut ansieht, so bin ich auch bereit, um seinetwillen zu sterben. Denn ich weiß, dass ein solcher Tod mir keinen Schaden oder Nachteil bringen wird, sondern er wird vielmehr ein Gewinn sein, weil ich statt dieses mühseligen und elenden Lebens von dem Herrn Christus mit himmlischer Ehre und ewiger Herrlichkeit beschenkt werde. Es steht demnach einem Christenmenschen beides gut an, dass er nämlich all sein Tun zur Ehre Christi richtet und sicher daran glaubt, dass er keinen Verlust im Tod hat. Denn der Tod der Frommen ist eine Erlösung von allem Übel und der Eingang zur ewigen Herrlichkeit.

22. Weil aber im Fleisch leben dient, mehr Frucht zu schaffen, so weiß ich nicht, welches ich erwählen soll {2Kor 10v3 Gal 2v20}.

23. Denn es liegt mir beides hart an: Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre {2Kor 5v8}:

Hart an: Dass ich um beiderlei willen sehr ängstlich und besorgt bin und bald diese und bald eine andere Meinung habe.

Abzuscheiden: Durch den zeitlichen Tod aus dieser Welt. Und dies ist etwas, wonach ich ein Verlangen in mir trage.

Besser wäre: Soweit es mich und meine eigene Person betrifft, hätte ich einen besseren Nutzen davon, wenn ich nur schnell von dieser Welt hingerichtet würde. Es sollen deshalb die Christen vor dem zeitlichen Tod nicht erschrecken. Denn der Zustand der gottseligen Seelen ist so beschaffen, dass sie, wenn sie von ihren Leibern abgeschieden sind, mit Christus in ewiger Freude und Herrlichkeit leben. So hat auch Christus zu dem Mörder oder Verbrecher am Kreuz gesagt: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und Gott zerstört den Bau des Menschen, dass er ihn danach viel herrlicher und schöner wieder aufrichtet {1Kor 15}.

24. Aber es ist nötiger, im Fleisch bleiben um euretwillen.

Euretwillen: Um euch mit Lehren, Ermahnen und Trösten länger nützlich sein zu können. Das Sterben ist also mir nützlich, aber dass ich lebe, ist für euch notwendig. In der Form verursacht der Nutzen auf der einen Seite und die Not auf der anderen Seite gegenteilige Gedanken in mir. Weil aber Paulus den Tod dem Leben nicht vorzieht, obwohl ihm der Tod besser erschienen wäre, so haben wir dabei auch daran zu denken, dass wir nicht zum Tod eilen sollen, auch wenn wir in dieser Welt unglücklich sind. Sondern wir sollen im Leben bleiben, bis uns Gott der Herr daraus abberuft. Und wir sollen die Wohlfahrt des Nächsten unserem eigenen Nutzen ständig vorziehen.

25. Und in guter Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde euch zur Förderung und zur Freude des Glaubens,

Und: Jetzt wendet sich der Apostel ausdrücklich der einen Seite zu, dass er nämlich länger leben möchte, damit er den Philippern und anderen noch weiter nützlich sein könnte.

Bleiben: Noch länger in diesem Leben, worin mich Gott erhalten wird, damit ihr durch mein Predigtamt im Glauben noch mehr gestärkt werdet und dieser, euer Glauben von der göttlichen Güte freudiger gemacht wird, damit ihr euch über die Wohltat und Allmacht Christi sehr freuen und rühmen könnt, der mich zu eurem Nutzen noch länger erhalten möge, damit durch meine Ankunft bei euch eure Herzen erfreut und ihr im Glauben gestärkt werdet. Paulus ist in der ersten Anklage vor dem Kaiser Nero freigesprochen worden, wie aus folgenden Worten von ihm abzunehmen ist, als er sagt: Ich bin erlöst vom Rachen des Löwen {2Tim 4}. Es schreibt aber euch Sibelius im anderen Buch seiner Kirchengeschichte in Kapitel 22, wie auch Theodoretus und Sophronius, der Patriarch in Jerusalem, dass Paulus, nachdem er aus dem Gefängnis gekommen ist, noch etliche Jahre lang das Evangelium Christi weit und breit in der Welt ausgestreut hat, bis er erneut in Rom gefangen genommen wurde und endlich enthauptet wurde. Wir werden aber eine Zeit lang erlöst, damit wir Christus und dem Nächsten noch länger dienen können.

26. auf dass ihr euch sehr rühmen könnt in Christo Jesu an mir durch meine Ankunft wieder zu euch.

27. Wandelt nur würdig nach dem Evangelium Christi, auf dass, ob ich komme und sehe euch oder abwesend von, euch höre, dass ihr steht in einem Geist und einer Seele und samt uns kämpft für den Glauben des Evangeliums {Eph 4v1}.

Wandelt: Paulus fügt eine Ermahnung hinzu, worin er die Philipper erinnert, dass sie in Heiligkeit und Einigkeit miteinander leben sollen und sich durch keine Gefahr vom Bekenntnis der gottseligen Lehre abschrecken lassen.

Würdig: Diejenigen wandeln würdig im Evangelium Christi, die ein heiliges und unsträfliches Leben führen, weil ein solches Leben die Lehre des Evangeliums ziert. Die aber schändlich leben, die hängen dem Evangelium einen Schandflecken an, und geben den Widersachern Ursache und Anlass zur Lästerung und Verleumdung.

Einem Geist: Dass ihr in einer, nämlich der reinen Lehre, standhaft verharrt.

Einer Seele: Dass ihr nicht allein in Religionssachen, sondern auch in anderen Geschäften und Verrichtungen untereinander einig und einmütig gesinnt seid.

Kämpft: Damit ihr helft, den Lauf und die Fortpflanzung des Evangeliums zu befördern. Hier hat man viele Dinge zu bemerken: Die Christen sollen beständig ihr Amt verrichten, egal, ob der vornehmste Diener des Evangeliums anwesend oder abwesend ist. Die Einigkeit ist Gott angenehm. Sowohl in anderen ehrlichen Sachen, als besonders in der rechten Religion. Darum soll man sich ständig um eine gottselige und christliche Einheit bemühen. Im Evangelium arbeiten aber nicht nur die Kirchendiener, wenn sie recht lehren und die reine Lehre handhaben, sondern auch die Zuhörer, wenn sie herzlich für die Zunahme des Reiches Christi beten, das Evangelium vor der Welt bekennen und in dem Evangelium würdig wandeln. Denn dergestalt wird die reine Lehre immer weiter ausgebreitet und wurzelt in den Herzen von vielen tiefer.

28. und euch in keinem Wege erschrecken lasst von den Widersachern, welches ist ein Anzeichen, ihnen der Verdammnis, euch aber der Seligkeit, und dasselbe von Gott.

Widersachern: Der Wahrheit. Dass ihr euch in den Sinn nehmt, die Lehre des Evangeliums zu verlassen und davon abzufallen. Denn die Wüterei der Feinde des Evangeliums bewegt die Herzen der Frommen oft so sehr, aber man soll das Evangelium darum nicht fahren lassen. Denn Gott wird seine Sache handhaben und verteidigen.

Anzeichen: Nämlich die Wüterei der Widersacher, womit sie die himmlische Wahrheit halsstarrig verfolgen. Das ist ein gewisses Anzeichen, dass sie in einen verkehrten Sinn gegeben wurden und ewig verloren sind. Vielmehr sind die Verfolgungen wiederum, die ihr um Christi willen erleidet, euch ein Zeugnis, dass euch Gott zur ewigen Seligkeit und Herrlichkeit verordnet hat. Darum werden die Widersacher einmal eine schwere Strafe ausstehen müssen, ihr aber werdet reiche Belohnung empfangen, und beides kommt von Gott. Denn es ist ein Herr, der nach seinem gerechten Urteil die widerspenstigen und halsstarrigen Verfolger des Evangeliums verdammen, euch aber, die ihr eine Zeit lang Verfolgung erleidet, mit ewiger Herrlichkeit beschenken wird. Wir sollen deswegen in Verfolgungen nicht kleinmütig werden, noch gegen die Verfolger aus fleischlichem Eifer zürnen. Denn sie werden ewige Strafe leiden müssen, uns aber werden unsere Trübsale mit ewiger Freude und Herrlichkeit belohnt werden.

29. Denn euch ist gegeben, um Christi willen zu tun, dass ihr nicht allein an ihn glaubt, sondern auch um seinetwillen leidet,

Gegeben: Von Gott. Denn Gott hat euch nicht nur die Gnade gegeben, dass ihr an Christus glaubt, sondern auch, dass ihr um seinetwillen Verfolgung leidet, was euch eine besondere Ehre ist. Darum sollt ihr euch von den Verfolgungen nicht abschrecken lassen, sondern zu erkennen geben, dass euch Gott in dieser Sache einer besonderen Ehre für würdig erachtet, indem ihr um Christi willen leidet. Deswegen ist der Glaube eine Gabe Gottes, und wen Gott der Ehren für würdig erachtet, dass er um Christi willen verfolgt und geplagt wird, der soll wissen, dass er bei Gott sehr lieb und wert gehalten wird. Denn so steht es von den Aposteln Petrus und Johannes, als sie mit Ruten geschlagen wurden: Sie gingen fröhlich vom Angesicht des Rates, weil sie würdig gewesen waren, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden {Apg 5}.

30. und habt denselben Kampf, welchen ihr an mir gesehen habt und nun von mir hört.

Gesehen habt: Als ich und Silas in Philippi um des Namens Christi willen mit Ruten öffentlich geschlagen und noch dazu ins Gefängnis geworfen wurden {Apg 16}. Paulus will also mit seinem Beispiel die Philipper zur Geduld und Beständigkeit ermahnen.

Hört: Wie auch ich hier in Rom um des Evangeliums Christi willen gefangen bin. Ich will aber die Bande, wie schwer sie auch ist, viel lieber tragen, als das Evangelium Christi zu verleugnen. Dieser, meiner Standhaftigkeit, sollt ihr nachfolgen. Denn die Zuhörer sollen den gottseligen Beispielen der frommen Kirchendiener folgen, und die Kirchendiener sollen sich auch so verhalten, dass die Zuhörer an ihnen täglich etwas sehen, was lobenswert ist.


Das 2. Kapitel


1. Der Apostel fährt mit seiner angefangenen Ermahnung fort, dass man der Einigkeit und Demut nachstreben und diese auch behalten soll. 2. Er rühmt die Majestät des erklärten Christus. 3. Und er ermahnt die Philipper, dass sie ein Leben führen sollen, wie es dem Evangelium zusteht. 4. Ferner erklärt er, wie er in seiner Gefangenschaft sich um die Philipper sorgt. 5. Er entschuldigt auch Epaphroditus, dass dieser etwas später wieder zu ihnen kommen würde.

1. Ist nun bei euch Ermahnung in Christo, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,

Ist: Der Apostel Paulus ermahnt die Philipper zur Einigkeit und Liebe gegeneinander und zur Demut, ohne die eine rechtschaffene Einheit nicht sein kann. Und fasst in den folgenden Worten viele Stücke und Gründe zusammen, mit denen er versucht, die Philipper zu überzeugen. Seine Meinung ist folgende: Wenn bei euch nicht allein die apostolischen Ermahnungen, sondern auch Christus selbst etwas gilt, wenn er sagt: Dabei wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch untereinander liebt, so befleißigt euch der Einigkeit. Habt ihr jemals Trost empfangen von den Guttaten, die Christus euch aus höchster Liebe erwiesen hat, so befleißigt euch der Liebe. Da ihr alle denselben Geist Christi empfangen habt, so seid nicht uneins untereinander. Da ihr mir, als euren geistlichen Vater, noch herzliche Liebe und freundliche Zuneigung tragt und euch über meine Gefangenschaft erbarmt, so lasst und gönnt mir die Freude, dass ich unter den verschiedenen Trübsalen hören kann, wie ihr untereinander einig seid, und rechtschaffene Liebe gegeneinander habt, und dass ihr so eingestellt seid, als Menschen, die in allen Sachen übereinstimmen. Diese sorgfältige Ermahnung des Paulus gibt zu verstehen, dass unter den Philippern, die doch ansonsten fromme Menschen gewesen sind, allerlei Missverständnisse, Uneinigkeit und Trennungen vorgefallen sind. Darum schließen die Widersacher Übles daraus, weil sich auch bei uns Spaltungen finden, dass es darum keine rechte Kirche unter uns geben würde. Doch soll jeder von uns sich nach seinen besten Möglichkeiten bemühen, die gegeneinander erbitterten Herzen und Gemüter zu versöhnen. Die rechte Einigkeit aber ist Gott angenehm, sie ist kein Aufruhr, sondern die gottselige Übereinstimmung in der rechten Lehre und der gleiche Wille in ehrlichen Dingen.

2. so erfüllt meine Freude, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einhellig seid {Röm 12v16 1Kor 1v10},

3. nichts tut durch Zank oder eitle Ehre, sondern durch Demut achtet euch untereinander einer den andern höher denn sich selbst {Röm 12v10}.

Nichts tut: Jetzt erklärt Paulus, wie die Einigkeit erhalten und die Uneinigkeit vermieden werden kann.

Durch Zank: Denn die mit ihren Nächsten aus erbitterten Herzen zanken, die überschreiten nicht nur das gebührende Ziel, sondern bewegen auch andere Menschen, dass sie uneins werden, und einander die Freundschaft kündigen.

Eitel Ehre: Denn die vom Ehrgeiz getrieben werden und sich vor anderen hervortun wollen, die pflegen das Reden und Handeln anderer Leute zu verunglimpfen, verachten andere Menschen und halten sehr viel von sich selbst. Dies schafft kein gutes Blut und keine Vertraulichkeit unter den Menschen. Besonders aber ist der Ehrgeiz an einem Lehrer der Kirche ein schädliches Gift, woraus Spaltungen und Uneinigkeit in der Kirche entstehen.

Sich selbst: Ihr erhaltet also Frieden und Einigkeit untereinander, wenn einer den anderen besser und vortrefflicher achtet als sich selbst und aus wahrer Demut andere sich selbst vorzieht. Denn wenn du auch mit einer Gabe einen anderen übertriffst, so übertrifft dich ein anderer wiederum in einer anderen Gabe. Die wahre Demut ist also das Band der Einigkeit. Es gibt auch kaum eine Tugend, die einen Kirchendiener mehr schmückt und besser ansteht, als rechtschaffene Demut, die ohne Heuchelei ist.

4. Und ein jeglicher sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, was des andern ist {1Kor 10v24 13v5}.

Andern ist: Denn die Einigkeit wird auch dadurch getrennt, wenn jeder nur auf seinen eigenen Nutzen sieht und unterdessen den Nächsten außer Acht lässt oder ihm auch schadet. Der eigene Nutz ist ein böser Putz. Darum sagt Paulus, dass man seine Angelegenheiten so wahrnehmen soll, dass man unterdessen den Nächsten nicht außer Acht lässt, sondern dass unser und sein Nutzen sich zusammenfinden, ja, dass wir den Nutzen des Nächsten mehr als unseren eigenen befördern. Denn weil alle Christen Glieder Christi miteinander sind, so steht es einem frommen Menschen übel an, dass er mit dem Schaden des Nächsten seinen eigenen Nutzen sucht. Darum sollen wir in allem unserem Tun der Erinnerung Christi folgen: Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch {Mt 7}.

5. Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war,

Auch war: Es stellt uns also der Apostel Paulus das Beispiel Christi, unseres Heilandes, vor, dem wir nachfolgen sollen, damit wir uns der Demut umso weniger schämen, wodurch die Einigkeit erhalten wird. Denn keiner hat sich darüber zu beschweren, wenn er sich so verhält, wie Christus sich gezeigt hat um unserer Seligkeit willen, als er sich tief gedemütigt hatte, damit er dieses erreicht und zuwege bringen konnte.

6. welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich sein,

Gleich sein: Das ist: Obwohl Christus (der Gott und Mensch ist) nach seiner Menschheit (wegen der persönlichen Vereinigung) göttliche Majestät und Allmacht empfangen hat, sodass er auch nach seiner menschlichen Natur die gleiche Gewalt mit Gott hatte, hat er dennoch diese Gewalt nicht mit großem Übermut gezeigt und sehen lassen, wie es die machen, die einen Raub zu zeigen pflegen, den sie den besiegten Feinden abgenommen haben. Darum sollen auch die Christen, die wahrhaftigen Glieder Christi sind, mit ihren Gaben nicht prangen. Dass aber diese Worte von Christus nach seiner menschlichen Natur eigentlich zu verstehen sind, geht daraus hervor, weil bald danach gesagt wird, er hat sich selbst geäußert und erniedrigt. Denn die göttliche Natur hat sich selbst nie geäußert oder erniedrigt, aber die menschliche Natur hat daher göttliche Majestät und Allmacht empfangen, dass sie von dem Sohn Gottes in einer Person angenommen worden ist, was keinem anderen Geschöpf jemals widerfahren ist, einzig dem Sohn der Jungfrau Maria. Es haben aber die Väter auch aus diesem Spruch des Paulus die Gottheit Christi gegen die Ketzer richtig bewiesen. Denn Christus könnte nach seiner menschlichen Natur nicht göttliche Majestät und Allmacht haben, wenn nicht seine menschliche Natur mit dem Sohn Gottes persönlich vereinigt wäre, und also die menschliche Natur von dem Sohn Gottes aus Gnade empfangen hätte, was der Sohn Gottes in seiner göttlichen Natur von Ewigkeit her gehabt hat. Es wird aber von Christus gesagt, nach seiner Menschheit, dass er Gott gleich sei, nicht, was die Natur oder das Wesen anbetrifft, denn die menschliche Natur in Christus ist und bleibt immer eine Kreatur. Sondern nach der Allmacht, die die menschliche Natur in der Zeit von dem Sohn Gottes durch die Menschwerdung empfangen hat. Es ist also die menschliche Natur in Christus in der persönlichen Vereinigung, und nicht außer dieser, Gott gleich, nicht nach dem Wesen, sondern nach der Allmacht, darum soll man Christus auch nach der Menschheit anbeten. Wenn es aber möglich wäre, dass die persönliche Vereinigung in Christus getrennt und die Menschheit von der Gottheit abgesondert würde und dennoch für sich selbst bestünde, so wäre sie weder allmächtig noch anzubeten.

7. sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleichwie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden {Hebr 2v17},

Entäußert sich selbst: Dass er die göttliche Majestät, die er aus der persönlichen Vereinigung nach seiner menschlichen Natur gehabt hatte, vor seiner Auferstehung größtenteils verborgen gehalten hat und seine göttliche Macht nicht sehen ließ, solange es nicht notwendig war, als wenn er Wunderwerke getan hätte. Sondern er hat sich so verhalten, besonders bevor er sein Predigtamt angefangen hat, als wenn er gar keine göttliche Majestät hätte. Und obwohl er ein Herr aller Kreaturen war, so hat er doch so gelebt, als wenn er jedermanns Knecht wäre. Daher sagt er auch selbst: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lässt, sondern dass er dient und er gibt sein Leben zur Erlösung für viele {Mt 20}. So ist er auch in den menschlichen Zuständen und Gebrechen, denen das menschliche Geschlecht um der Sünde willen unterworfen ist, anderen Menschen (doch ohne Sünde) gleich befunden worden, sodass man in diesen Dingen an ihm keinen Unterschied spüren konnte. Denn er hat gehungert und war durstig, ist müde geworden, hat Hitze und Kälte empfunden, ist traurig gewesen und hat geweint und ist also wahrhaft als ein Mensch befunden worden.

8. erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

Sich selbst: Nämlich Christus in seiner angenommenen menschlichen Natur.

War gehorsam: Seinem himmlischen Vater, nicht nur, indem er das Gesetz hielt und allgemeine menschliche Trübsal erduldete, sondern auch so, dass er sich nicht gescheut hat, für die Seligkeit des menschlichen Geschlechts den Tod zu leiden, dazu nicht einen schlichten, einfachen Tod, sondern den schmählichsten und bittersten Tod am Kreuz erduldet hat. Ist dies nicht aber eine große Erniedrigung und Demut Christi? Was will uns Knechten gebühren, wenn sich unser Herr so tief gedemütigt hat? Es soll sich deswegen einer dem anderen unterwerfen, dienen, aber nicht übermütig trotzen und pochen, willig und bereit sein, so wird jeder Zank, Ehrgeiz und Missgunst bald verschwinden. So wie aber die Schrift kurz zuvor die Majestät in Christus nach seiner menschlichen Natur uns gezeigt hat, so hält sie uns jetzt und immer auch die Demut und Erniedrigung vor, die bis zur Auferstehung Christi gedauert hat. Denn jetzt, nachdem er auferstanden, in den Himmel gefahren ist und sich zur Rechten Gottes gesetzt hat, ist er kein Knecht mehr und nicht mehr in der Knechtsgestalt, sondern ein Herr, wie Petrus bezeugt {Apg 2}. Zum Stand der Erniedrigung und Demut gehören aber, wenn Christus sagt: Des Menschen Sohn weiß den Tag des Gerichts nicht, den er jetzt, im Stand seiner Majestät, freilich ganz sicher weiß. Auch ist zum Stand der Erniedrigung und Demut zu rechnen, als er zu Jakobus und Johannes sagte: Es steht ihm nicht zu das Sitzen zu seiner Rechten und Linken zu geben. Und es gibt eine Menge Dinge mehr, worin die Knechtsgestalt, die Christus eine Zeit lang willig angenommen hatte, gespürt wird. Welche deswegen diese Sprüche der Schrift missbrauchen, dass sie die göttliche Majestät des Menschen Sohn damit bestreiten, die handeln übel. So wie es früher die Arianer vorbrachten, die, was zur Menschheit Christi gehört, zu Unrecht gegen die Gottheit Christi bestritten.

9. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist {Ps 110v7 Jes 53v12 Hebr 2v9 12v2},

Darum: Jetzt lasst uns auch von der völligen Majestät Christi hören, worin er, als er die fleischliche Gestalt abgelegt hatte, eingegangen ist, nachdem er das Werk unserer Erlösung ausgerichtet hatte. Mit diesen Worten will Paulus lehren, dass die, die sich zum Nutzen des Nächsten und zu dessen Vorteil demütigen, ihre Würde und Ehre darum nicht verlieren werden, sondern vielmehr zu größerer Herrlichkeit aufsteigen, wie es das Beispiel Christi bezeugt.

Erhöht: Zur höchsten Majestät und Herrlichkeit.

10. dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind {Jes 45v23 Röm 14v11},

11. und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters.]

Des Vaters: Das will so viel sagen: Gott der Vater hat seinem Sohn, Jesus Christus, als Mensch, eine unendliche Gewalt und unermessliche Majestät im Himmel, auf Erden und über die Hölle gegeben, dass alle Geschöpfe seiner Macht unterworfen sind, die Engel und Menschen ihn ehren und anbeten, die Teufel aber vor ihm erzittern und alle bekennen müssen, dass Jesus Christus ein Herr des Himmels und der Erde ist. Diese seine göttliche Majestät aber entzieht der Majestät seines himmlischen Vaters so gar nichts, sodass sie ihm viel mehr zur Ehre gereicht. Denn wer den Sohn ehrt, der ehrt auch den Vater, wie wiederum der, der den Vater nicht ehrt, der ehrt auch den Sohn nicht {Joh 5}. Wenn nun Christus eine solche Gewalt empfangen hat, als des Menschen Sohn, wie sollte er denn nicht, auch nach seiner menschlichen Natur, allmächtig sein? Soweit es aber das Kniebeugen betrifft, hat Paulus dadurch die Herrschaft Christi beschreiben wollen. Daneben aber ist es eine gottselige Höflichkeit, die einem Christen wohl ansteht, dass man zum Namen des Herrn Jesus die Knie beugt und den Hut zieht, nicht in dem Sinn, als wären solche Zeremonien ein besonderer Gottesdienst, sondern als ein Zeugnis unserer Ehrerbietung gegen unseren Heiland Christus. Aber die Zwinglianer, wenn sie heutzutage den Namen ihres Fürsten hören, ziehen größtenteils den Hut und beugen ihre Knie. Wenn sie aber den Namen Jesu hören, so stehen sie unbeweglich, mit bedeckten Köpfen wie die Klötze. Wie aber solche gegen Christus gesinnt sind und was sie für ein Herz zu ihm haben, wird der Ausgang einmal erklären. Dass es dennoch etliche Völker gibt, die Christus weder erkennen noch ehren, nimmt dies seiner göttlichen Majestät nichts. Denn wo sie nicht Buße tun, werden sie mit ihrem ewigen Schaden empfinden und merken, dass sie den ewigen Sohn Gottes, den wahren Gott und Herrn der Herrlichkeit, verachtet haben. Gleichwie aber die Demut Christi gleichsam eine Stufe oder Staffel gewesen ist zu seiner völligen Majestät, so wird uns auch die wahre Demut, womit wir uns anderen unterwerfen, zu großer himmlischer Ehre gereichen.

12. Also, meine Liebsten, wie ihr immer seid gehorsam gewesen, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern auch nun viel mehr in meiner Abwesenheit: Schafft, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern!

Also: Der Apostel fährt noch weiter fort, die Philipper zu ermahnen, dass sie, dem Evangelium nach, würdig leben.

Gehorsam gewesen: Nämlich dem Wort Gottes. Also fahrt damit fort und verhaltet euch weiter nach Gebühr.

Gegenwart: Dass ihr allein wegen meiner Person versucht, richtig zu handeln, weil ihr viel auf mich haltet.

Abwesenheit: Ihr sollt euch um die wahre Gottseligkeit bemühen. Denn so wie sich die Kinder nicht nur vor den Augen der Eltern gehorsam zeigen sollen, sondern diesen Gehorsam auch von Herzen leisten, sowohl in der Gegenwart als auch in der Abwesenheit der Eltern, so sollen sich die Zuhörer auch nicht nur so stellen, als wenn sie fromm wären, sondern es auch tatsächlich sein, auch wenn es ihre Kirchendiener nicht ständig sehen oder in der Nähe sind. Denn sie sind Gott solchen Gehorsam schuldig, dem nichts verborgen bleibt.

Und Zittern: Das bedeutet: Lebt also in der Furcht Gottes, dass ihr die ewige Seligkeit nicht verlieren werdet, die Christus für euch erworben hat und fürchtet euch mit Ernst vor dem Zorn des himmlischen Vaters, sodass ihr euch mit allem Fleiß davor hütet, dass ihr nicht anstatt eines gnädigen und gütigen Vaters ihn als einen strengen Richter bekommt. Diese Worte Paulus sollen uns die fleischliche Sicherheit vertreiben, dass wir den Zorn Gottes nicht verachten und uns in Schande und Laster stürzen. Jedoch lehren diese Worte des Apostels nicht, dass wir die ewige Seligkeit mit unseren Werken verdienen müssen, oder dass wir an dieser zweifeln sollen. Denn ein Kind verdient nicht deswegen die Erbschaft seines Vaters, weil es ehrlich lebt und den Eltern gehorsam ist, weil es den Zorn des Vaters fürchtet und sich fleißig davor hütet, seine frommen Eltern zu beleidigen.

13. Denn Gott ist es, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.

Gott ist es: Weil jemand hätte sagen können: Wie kann ich mich vor Sünden hüten und immer richtig handeln, wenn ich doch in Sünde empfangen und geboren bin und von Natur aus zu allerlei Unrecht geneigt bin? Wer kann sich denn (sagen viele) selbst in den Himmel heben? Darum setzt Paulus jetzt für die Frommen einen Trost hinzu. Gott (sagt er) wird die guten Werke in und durch euch ausrichten, sodass ihr den Gehorsam leisten könnt, soweit es in diesem Leben möglich ist. Er wird euch den Willen geben, Gutes zu tun und euch auch die Kraft verleihen, dass ihr tun könnt, was ihr recht tun wollt, damit es ihm angenehm und gefällig ist. Wenn also Gott in dem Menschen das Wollen bewirkt, so kann sich freilich der Mensch aus seiner eigenen Kraft nicht zu Gott bekehren. Wenn Gott das Wollen und Tun bewirkt oder vollbringt, so haben wir keine Entschuldigung, gute Werke zu versäumen, als ob wir keine leisten könnten. Wir haben uns auch unserer guten Werke nicht zu rühmen, weil es Gott bewirkt, dass wir Gutes wollen und Gutes tun, darum sollen wir alles ihm zuschreiben, der seine Gaben in uns krönt.

14. Tut alles ohne Murmeln und ohne Zweifel,

Tut alles: Wenn der Apostel Paulus auf den Punkt zu sprechen kommt, wie man gottselig leben soll, so pflegt er allgemein viele verschiedene Gebote mit unterzumischen und besondere Regeln, bald allgemein, bald insbesondere vorzuschreiben, wie ein gottseliger Wandel anzustellen ist. So tut er es hier auch und sagt ernsthaft: Was ihr Gutes tut, es geschehe jetzt in eurem allgemeinen Beruf des Christentums oder nachdem ein jeder seinen besonderen Beruf noch daneben hat, so tut dies nicht mit Unwillen und gleichsam gezwungen, dass ihr unterdessen aus Ungeduld murren wollt, so wie ihr auch nichts mit zweifelhaften Gewissen tun sollt. Denn obwohl unser verdorbenes Fleisch dem Geist widerstrebt, dass wir nicht immer tun, was wir wollen, so soll doch unser Gemüt willig sein, dass wir mit Freude nach dem inwendigen Menschen, nachdem wir wiedergeboren sind, Gutes bewirken. Wir sollen aber in allem unserem Tun sicher sein, dass diese, unsere Werke, Gott gefallen. Denn was nicht aus Glauben ist, das ist Sünde. Daher haben die Alten richtig gesagt: Ein zweifelhaftes Gewissen baut die Hölle.

Ohne Zweifel: (Nach Luther: Dass ihr nicht murrt gegen Gott in Ungeduld, auch nicht im Glauben wankt.

15. auf dass ihr seid ohne Tadel und lauter und Gottes Kinder, unsträflich mitten unter dem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter welchem ihr scheint als Lichter in der Welt {Mt 5v16 Eph 5v8 1Thes 5v5}.

Ohne Tadel: Dass niemand Grund hat, über euch zu klagen. Denn Gott will, dass die Christen den Oberen, den Unteren, und Ihresgleichen und sich also gegen jeden gebührend verhalten, damit zu Recht keine Klagen von ihnen gehört werden.

Lauter: Aufrichtig, redlich, einfach und wahrhaftig, nicht boshaft, tückisch, falsch und verschlagen. Denn einem falschen und verschlagenen Menschen sind Gott und die Welt feind.

Gottes Kinder: Was ihr mit der Tat erklären sollt, dass ihr ihm nachstrebt.

Unsträflich: Dass ihr lebt, wie es sich gebührt. Denn obwohl die Welt ständig Gründe sucht, die Lehre und den Wandel der Christen zu tadeln und ihnen übel nachzureden, was man nicht verhüten kann, so kann sich doch jeder Christ davor hüten, dass ihm in Wahrheit nichts Unrechtes nachgeredet werden kann.

Geschlecht: Unter den Gottlosen, lasterhaften, verdorbenen und verkehrten Menschen.

Scheint: Dass ihr einen Glanz der wahren Gottseligkeit von euch gebt, wie die Sterne am Himmel.

16. damit, dass ihr haltet ob dem Wort des Lebens, mir zu einem Ruhm an dem Tage Christi, als der ich nicht vergeblich gelaufen noch vergeblich gearbeitet habe.

Des Lebens: Nämlich über dem Evangelium, welches den Weg zeigt, wie man das ewige Leben erlangen kann, bei dem sollt ihr standhaft bleiben und durch keine Gefahr, wie Sie auch immer sein mag, euch davon abschrecken lassen. Denn wir sollen es nicht dahin kommen lassen, dass uns die Beispiele gottloser Menschen von dem Weg der Gottseligkeit abtreiben. Sondern unser Licht soll vor den anderen Menschen leuchten, dass sie unsere guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen {Mt 5}. Wir sollen uns aber steif und fest an die Worte des Evangeliums halten, um durch keine Drohungen, Gefahren, Marter oder Anreizungen und Verheißungen der Welt davon abführen lassen. Denn das Evangelium ist ein Wort des Lebens, welches das ewige Leben mit sich bringt, wenn es mit Glauben ergriffen wird.

Ruhm: Es wird mir zum Ruhm gereichen und nicht allein zu eurer Seligkeit, wenn ihr Philipper in der wahren Gottseligkeit beharren werdet, wie ich es von euch gehört habe.

Nicht vergeblich: Sondern meine Mühe und Arbeit, die ich aufgewendet habe, um euch zu unterrichten und zu ermahnen, wird gut angelegt sein. Denn die frommen Kirchendiener, die viele Schäflein für Christus gewinnen, werden sich am jüngsten Tage dessen rühmen können, darum sollen sie in ihrem Fleiß nicht nachlassen, damit die, die durch ihre Arbeit zu Gott bekehrt worden sind, auch in der rechten Erkenntnis Christi und in der wahren Gottseligkeit bis ans Ende ausharren können. Wenn aber die Zuhörer ohne Schuld oder Versäumnis der Kirchendiener von der wahren Religion und Gottseligkeit wieder abweichen, werden doch fromme Lehrer darum ihre Arbeit, ihrer Person halber, nicht vergebens getan haben, sondern reichliche Belohnung dafür empfangen. Die Zuhörer aber werden durch ihre eigene Schuld verdammt werden {Hes 33}.

17. Und ob ich geopfert werde über dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen.

Und: Mit den folgenden Worten gibt Paulus zu verstehen, welch großes Verlangen er danach hat, dass die Philipper selig werden.

Geopfert werde: Das will so viel sagen: Auch wenn ich gleich sterben muss, noch dazu durch die Hand des Henkers, weil ich es durch die Predigt des Evangeliums so weit gebracht habe, dass ihr euch selbst Gott als ein Opfer da gegeben habt und dass ihr ihm aus wahren Glauben dient, so wird mir dieses doch nicht so beschwerlich sein, dass ich nicht vielmehr mit innerer Freude meines Herzens den Tod leiden will, weil mir dies zu großer himmlischer Ehre und Herrlichkeit gereichen wird. Auch freue ich mich für euch, weil euer Glaube durch meine Marter gestärkt werden wird. Wenn dies also passiert, sollt ihr euch deshalb nicht bekümmern, sondern euch vielmehr mit mir freuen wegen der künftigen Herrlichkeit und Glückseligkeit, wenn ihr mich liebt. Wenn es deswegen notwendig sein muss, dass die Christen zur Marter gezogen werden, so sollen sie diese mit standhaften und freudigen Herzen, um Christi willen, das ist, wegen des Bekenntnisses der rechten Lehre, ausstehen. Auch lernen wir hier, dass die Christen durch das Evangelium ein Opfer werden, das ist, sie ergeben sich Gott zum Gehorsam und sind bereit, das zu tun, was Gott haben will und gebietet und lassen, was er verbietet und was ihm missfällt und leiden, was er ihnen zu leiden auferlegen wird. Daneben hören wir, dass der Glaube ein vortrefflicher Gottesdienst ist.

Nach Luther: Wenn ich sterben muss und mein Blut vergießen deswegen, dass ich euch zu Gottesdiener und Opfer gemacht habe durch das Evangelium und den Glauben, so will ich dies nicht bedauern, sondern will es mit Freude tun und ihr sollt mir das auch mit Freude gönnen.

18. Dessen sollt ihr euch auch freuen und sollt euch mit mir freuen.

19. Ich hoffe aber in dem Herrn Jesu, dass ich Timotheus bald werde zu euch senden, dass ich auch erquickt werde, wenn ich erfahre, wie es um euch steht.

Ich: Der Apostel fährt noch weiter fort, zu erklären, wie lieb er die Philipper hat und wie er sich in seiner Gefangenschaft um sie sorgt.

Herrn Jesu: Er, der alles, was im Himmel und auf Erden ist, nach seinem Willen und Wohlgefallen richtet, der wird auch Gelegenheit geben, dass Timotheus zu euch kommt und euch im wahren Glauben und in gottseligen Wandel stärkt. Dieser wird sich ohne Zweifel herzlich darüber freuen, wenn er eure Gottseligkeit und Standhaftigkeit in der rechten Religion sehen wird und es wird nicht allein er erfreut, sondern auch ich werde erquickt werden, wenn ich danach von ihm erfahren werde, wie ihr mittlerweile in der wahren Gottseligkeit zugenommen habt. Denn es soll ein Diener des göttlichen Wortes auch in seiner Abwesenheit für die ihm anbefohlen der Kirche Sorge aufwenden, dass sie in der rechten Religion beständig bleibt. Darum soll er für sie bitten und wenn er Gelegenheit hat, sie auch schriftlich trösten, stärken und ermahnen.

20. Denn ich habe keinen, der so gar meines Sinnes sei, der so herzlich für euch sorgt.

Denn: Jetzt rühmt Paulus den Timotheus ganz besonders.

Habe keinen: Unter all den Dienern des Evangeliums, die ich gelegentlich ausschicke, sagt mir keiner besser zu als eben dieser Timotheus, den ich zu euch senden will. Denn er liebt euch herzlich und trägt für eure Seligkeit Sorge.

21. Denn sie suchen alle das ihre, nicht das Christi Jesu ist {1Kor 10v24}.

Das Ihre: Und möchten vielmehr ihren eigenen Nutzen fördern, als dass sie die Ehre Christi und die Wohlfahrt der Kirche suchen würden. Wenn also zu der Zeit, da man bei dem Evangelium mehr Verfolgungen als zeitliches Glück zu erwarten hat, dennoch der größere Teil seinen Nutzen der Ehre Christi und der Erbauung der Kirche vorziehen, wie viel meint man denn dann wohl, dass es heutzutage Tagelöhner im Predigtamt gibt, die das ihre Suchen und sich wenig um Gott oder die Kirche bemühen? Aber wehe den Hirten, die mehr sich selbst als die Herde des Herrn weiden {Hes 34}.

22. Ihr aber wisst, dass er rechtschaffen ist; denn wie ein Kind dem Vater hat er mit mir gedient am Evangelium.

Wisst: Und kennt ihn bereits aus Erfahrungen. Denn er ist mir nicht nur ein treuer Gehilfe gewesen, wenn es darum ging, die Ehre Gottes zu fördern, sondern er hat mich auch wie einen Vater in Ehren gehalten und, indem er meinem treuen Rat gefolgt ist, der Kirche großen und heilsamen Nutzen geschaffen. Denn die jungen Theologen, die in bestimmten Dingen noch nicht besonders erfahren sind, sollen dem Rat der Alten, die aus der Erfahrung heraus mehr wissen, folgen und diese nicht leichtfertig missachten, damit sie nicht bald danach ihre Kühnheit und Verwegenheit zum Schaden und Nachteil der Kirche bereuen.

23. Denselben, hoffe ich, werde ich senden von stand‘ an, wenn ich erfahren habe, wie es um mich steht.

Steht: Und da es bei mir so aussehen wird, dass ich seine Gegenwart ohne Behinderung des Evangeliums ermangeln kann, so will ich ihn bald zu euch schicken, dass er euch tröstet und im Glauben stärkt. Denn es ist nicht genug, dass man einmal an einem Ort Christus eine Kirche gepflanzt hat, sondern es ist auch notwendig, dass, was gut angefangen worden ist, fortgesetzt und bestätigt wird.

24. Ich vertraue aber in dem Herrn, dass auch ich selbst bald kommen werde {Phil 1v25}.

Kommen werde: Und euch besuchen, wenn ich aus meiner Gefangenschaft entlassen und auf freien Fuß gesetzt worden bin. Denn die Christen sollen in ihren Trübsalen gute Hoffnung haben. Und obwohl sie nicht alle ständig leiblich erlöst werden, so werden sie doch schließlich durch einen seligen Abschied aus diesem Leben von allen Trübsalen gerettet. Auch wenn die Hoffnung, die wir uns selbst gelegentlich von zeitlichen Sachen ohne besondere göttliche Offenbarung machen fehlschlägt, so wird doch die geistliche Hoffnung, die auf die Offenbarung der versprochenen, ewigen Seligkeit wartet, niemals fehlschlagen.

25. Ich hab es aber für nötig angesehen, den Bruder Epaphroditus zu euch zu senden, der mein Gehilfe und Mitstreiter und euer Apostel und meiner Notdurft Diener ist,

Zu senden: Ich will ihn hier nicht länger aufhalten, nachdem er wiederum gesund geworden ist.

Gehilfe: Er hat mir in Fortpflanzung und in der Handhabung des Evangeliums bis hierhin treu und tapfer geholfen.

Euer Apostel: Der euch das Evangelium von Christus rein und fleißig verkündigt hat.

Meiner Notdurft: Denn er hat mir in meiner Gefangenschaft willig gedient, wenn ich seine Hilfe brauchte. Es hatten aber die Philipper diesen Epaphroditus, der Kirchendiener gewesen ist, zu Paulus nach Rom geschickt, dass er ihm erzählen und anzeigen konnte, dass sie christliches Mitleid mit ihm hätten wegen seiner Gefangenschaft und damit er ihm das Geld überreichen konnte, welches die Philipper Paulus zu seiner Unterhaltung gesendet hatten. Hiervon berichtet Paulus an einem späteren Ort. Diesen nun schickt Paulus mit diesen Brief wieder zu den Philippern und zeigt den Grund an, warum er etwas später wieder zu ihnen kommen wird, nämlich, weil Epaphroditus in Rom eine Zeit lang an einer beschwerlichen und gefährlichen Krankheit gelitten hat und schlecht dran gewesen ist. Paulus rühmt ihn aber sehr und hält viel von ihm. Denn er nennt ihn nicht nur seinen Bruder, sondern auch seinen Gehilfen, Mitstreiter und Apostel der Philipper, obwohl doch Epaphroditus ein viel geringeres Amt hatte als Paulus. Deshalb sollen wir nach dem Beispiel des Paulus lernen, demütig zu sein, dass wir auch anderen Ehre erweisen und nicht überheblich sind und andere dagegen vernichten, als ob wir allein alles richtig machen könnten. Solche Gottseligkeit und rechtschaffene Demut erhält die Einheit in der Kirche, Polizei und im Haushalt. Auch sollen wir diejenigen bei anderen rühmen, die in ihrem Amt treu sind und dieses fleißig verrichten.

26. weil er nach euch allen Verlangen hatte und war hoch bekümmert darum, dass ihr gehört hattet, dass er krank war.

Verlangen hatte: Dass er aus christlicher Liebe euch gegenüber gern wieder bei euch sein möchte, deshalb möchte ich ihn nicht länger bei mir aufhalten, obwohl ich durch seine Gegenwart und seine treuen Dienste sehr gestärkt worden bin. Und ein Kirchendiener soll seine Kirche lieben und eine Herzensangelegenheit sein lassen.

Krank war gewesen: Darum möchte er euch eure Sorgen, die er wegen seiner Krankheit hatte, durch seine baldige Wiederkehr zu euch nehmen. Denn wir sollen, so weit wie möglich, verhüten, dass andere nicht um unseretwegen traurig werden und uns bemühen, ihren Schmerz zu lindern.

27. Und er war zwar todkrank, aber Gott hat sich über ihn erbarmt, nicht allein aber über ihn, sondern auch über mich, auf dass ich, nicht eine Traurigkeit über die andere hätte.

Todkrank: Dass man nichts anderes glauben konnte, als dass er sterben würde.

Über ihn: Dass er ihn aus der Krankheit geholfen und ihm wieder gesund werden ließ, damit er noch länger bei euch sein und eurer Kirche nützlich vorstehen könnte.

Andere hätte: Und mir neben meiner Gefangenschaft der Tod des frommen Mannes und treuen Kirchendieners mir doppelten Kummer und Trübsal verursachen würde. Hier hören wir, dass auch fromme Menschen, die sich um die Kirche verdient gemacht haben, gelegentlich in Krankheiten oder andere Unfälle geraten, aber das allgemeine und inbrünstigem Gebet der Kirche vermag viel dabei, dass ihnen wiederum geholfen wird. Wir sollen uns auch zu Recht bekümmern, wenn es passiert, dass Gott einen treuen Lehrer der Kirche entziehen wird, der er vorgesetzt gewesen ist. Und man hat an dieser Stelle zu bemerken, dass Gott uns keine größere Last des Kreuzes auferlegt, als wir sie tragen können, damit wir nicht in gar zu großer Traurigkeit versinken {1Kor 10}.

28. Ich habe ihn aber desto eilender gesandt, auf dass ihr ihn seht und wieder fröhlich werdet, und ich auch weniger Traurigkeit habe.

Fröhlich werdet: Die ihr durch die Nachricht von seiner tödlichen Krankheit sehr erschreckt worden seid.

Weniger Traurigkeit: Denn wenn ihr traurig seid, kann ich nicht fröhlich sein. Denn mit den Weinenden soll man weinen und mit den Fröhlichen sich freuen.

29. So nehmt ihn nun auf in dem Herrn mit allen Freuden und habt solche in Ehren {1Tim 5v17}.

In dem Herrn: Oder um des Herrn willen, dem er treu dient.

30. Denn um des Werkes Christi willen ist er dem Tode so nahe gekommen, da er sein Leben gering bedachte, auf dass er mir diente an eurer statt.

An euer statt: Denn weil ich eure Hilfe und euren Beistand brauchte, es aber nicht geschehen konnte, dass ihr selbst bei mir sein könntet, hat er euch stattdessen vertreten und in dieser Angelegenheit nicht nur mir als einem Menschen, sondern wie Christus selbst, dessen Apostel ich bin, gedient und ist wegen dieser weiten und mühseligen Reise von einer beschwerlichen Krankheit befallen worden. Dennoch hat er diese Reise, die er auf sich genommen hat, noch nicht bereut, nur damit er auf diese Weise Christus dienen konnte. Darum sollt ihr einen solchen Mann, der so eifrig ist, zu Recht lieben und in Ehren halten, nicht aber ihn allein, sondern alle anderen seinesgleichen. Denn man soll fromme Kirchendiener ehren und die Guttaten, die ihnen, besonders aber wegen ihres Predigtamts, erwiesen werden, die geschehen Christus selbst, dessen Gesandte sie sind. Danach hören wir hier, dass wir auch bisweilen bei unseren guten Werken in Lebensgefahr geraten können. Aber wir sollen solche Gefahren, die uns in unserer Aufgabe begegnen, mit unerschrockenem Herzen ausstehen. Denn der uns das zeitliche Leben gegeben hat, der kann es auch erhalten und wenn wir es auch verlieren sollten, so wird er es uns doch mit großer Herrlichkeit und ewiger Seligkeit wiedergeben.


Das 3. Kapitel


1. Der Apostel ermahnt die Philipper, dass sie sich vor falschen Lehrern hüten sollen. 2. Und aus besonderen Bedenken stellt er seine Person den falschen Aposteln gegenüber. 3. Er erkennt seine Unvollkommenheit und lehrt, wie er beständig nach einer größeren Vollkommenheit strebt. 4. Er stellt den Philippern sein eigenes Beispiel vor Augen und klagt über die, die sich die Religion und Gottseligkeit nicht mit Ernst angelegen sein lassen 5. Danach wendet er sich wiederum den falschen Lehrern zu und zeichnet ein weiteres Bild von ihnen.

1. Weiter, liebe Brüder, freut euch in dem Herrn! Dass ich euch immer einerlei schreibe, verdrießt mich nicht und macht euch desto gewisser {Phil 4v4}.

In dem Herrn: Seid also fröhlich und guter Dinge, dass Gott eure Freude auch belegt und sich gefallen lässt. Es spricht aber der Apostel Paulus in diesem Kapitel von unterschiedlichen Dingen, achtet jedoch besonders darauf, dass er die Philipper ermahnt, dass sie sich von den falschen Aposteln, die das Gesetz mit dem Evangelium Christi vermischten, nicht verführen lassen und widerlegt den Übermut und den nichtigen Ruhm der falschen Apostel gewaltig und treibt sie ein. Er mischt auch eine Ermahnung mit darunter an die Philipper, dass sie in der rechten Erkenntnis Gottes und der wahren Gottseligkeit ständig weiterkommen und zunehmen sollen. Weil aber den Philippern ständig viele Widerwärtigkeiten begegneten, ermuntert er sie, guten Mutes zu sein. Denn Gott möchte von uns nicht, dass wir säuerlich aussehen, unser Gesicht verziehen und uns selbst mit Trauer und Kümmernis ermüden. Er lässt uns aber solche Freude zu, womit er nicht beleidigt wird. Besonders aber sollen wir uns freuen, dass wir einen gnädigen Gott haben, der mit uns zufrieden und versöhnt ist. Danach kann man viele ehrliche Freuden genießen, die Gott dem Herrn auch nicht zuwider sind. Aber die Welt freut sich, wenn sie Bosheit betreiben kann. Solche Freuden sollen wir meiden, die endlich in ewige Traurigkeit verkehrt werden. Davon steht geschrieben: Wehe euch, die ihr hier lacht, denn ihr werdet weinen und heulen {Lk 6}. Dass aber der Apostel, die Philipper so oft Brüder nennt, lehrt die Kirchendiener mit seinem Beispiel, dass sie ihre Zuhörer lieben sollen wie Brüder und nicht stolz über sie herrschen, sondern freundlich mit ihnen umgehen. Auch sollen alle Christen nicht die brüderliche Liebe gegeneinander vergessen.

Gewisser: Und stärkt euch mehr und mehr in der rechten Religion, wenn ich die gleiche Lehre oft wiederhole und euch ständig vorhalte. Denn die Zuhörer sollen sich die Ohren nicht jucken lassen, etwas Neues zu hören. Auch die Kirchendiener sollen zu solchen Neuigkeiten nicht dazu helfen, noch viel weniger diese fördern, wie es doch die tun, die die Zeugnisse und Beispiele der Heiligen Schrift vernachlässigen als Sachen, die nur allzu gut bekannt und allgemein sind und verbringen die Predigt größtenteils mit Erzählungen göttlicher Sachen und Geschichten. Daneben ist auch die Faulheit und Fahrlässigkeit derjenigen keineswegs zu loben, die keinen Fleiß und keine Mühe auf sich nehmen, um die Predigten recht zu ordnen und gebührend darzustellen, weshalb sie aus Mangel der Dinge, die sie aus der Schrift vorbringen sollten, sich in der Predigt ständig wiederholen zum großen Verdruss und Widerwillen der Zuhörer und wie ein schlechter Geiger immer nur auf einer Seite spielt, was die Zuhörer verdrießt und dafür sorgt, dass sie nicht so oft und auch nicht so andächtig, sondern ungern die Predigt hören.

2. Seht auf die Hunde, seht auf die bösen Arbeiter, seht auf die Zerschneidung {2Kor 11v13}!

Seht: Jetzt ermahnt Paulus die Philipper, dass sie sich vor falschen Lehrern hüten sollen. Als wollte er sagen: Habt acht auf die falschen Lehrer, dass sie euch nicht verführen, noch eure Kirche irremachen, denn sie sind wie die bissigen Hunde, und obwohl sie für Arbeiter in der Kirche angesehen werden und gehalten werden wollen, so zerstören sie doch mehr, als sie aufbauen und rühmen sich zwar, sie wären die Beschneidung, das ist, sie sind beschnitten und wollen die Beschneidung, die von den Heiligen Vätern auf sie übertragen worden ist, mit einem besonderen Eifer handhaben und erhalten, wo sie doch viel mehr eine Zerschneidung sind. Das bedeutet: Sie trennen die Kirche Gottes und richten schädliche Spaltungen darin an. Dies ist eine gewaltige Beschreibung und ein Bild der falschen Lehrer. Denn sie werden zunächst Hunde genannt, weil sie die, die recht lehren, mit ihrem Gebell anschreien, irre machen und mit Verleumdungen und Lästerungen angreifen, auch wenn sie könnten, Verfolgungen gegen sie erregen. Daher hat Christus gesagt: Ihr sollt das Heilige nicht vor die Hunde werfen, noch eure Perlen vor die Säue, dass sie (die Säue) diese nicht mit Füßen treten und (die Hunde) sich gegen euch wenden und euch zerreißen {Mt 7}. Die bösen Arbeiter werden genannt, die dafür angesehen sein wollen, als ob sie in der Kirche Gottes mit Lehren und Schreiben viel arbeiten würden. Aber sie arbeiten nicht richtig, darum schaden sie der Kirche mehr, als ihr zu nutzen. Denn es ist die gleiche Sache, wie wenn jemand einem ungeschickten Menschen in den Weinberg schickt, dass er ihn anbauen sollte, wo er doch nichts davon versteht und deshalb den Weinberg dermaßen verdirbt, dass es besser wäre, man würde ihn aus dem Weinberg werfen, als dass man ihm auftragen sollte, diesen anzubauen. Dazu kommt noch das, dass die falschen Lehrer die Kirchen, die in einem gottseligen Bekenntnis einig gewesen sind, mit falschen Meinungen trennen und gefährliche Spaltungen in der Kirche erregen. Darum soll man solche Verführer, Hunde, böse Arbeiter und Aufwiegler nicht nur meiden, sondern auch zu allererst aus der Kirche Gottes austreiben.

Zerschneidung: (Nach Luther) Er nennt die falschen Prediger die Zerschneidung, weil sie die Beschneidung als nötig zur Seligkeit lehrten, womit die Herzen vom Glauben abgeschnitten werden.

3. Denn wir sind die Beschneidung; die wir Gott im Geist dienen und rühmen uns von Christo Jesu und verlassen uns nicht auf Fleisch.

Die Beschneidung: Die wir wahrhaftig und geistlich beschnitten sind und die rechten Israeliten, denen der Bund der Gnade zugehört. Und nicht die falschen Lehrer, die ein unbeschnittenes Herz haben und uns zu Unrecht schelten und verdammen, als ob wir vom Bund Gottes abgewichen wären, weil wir lehren, wie die ewige Seligkeit den Gläubigen widerfährt allein durch den Glauben an Christus, ohne Werk des Gesetzes.

Im Geiste: Wahrhaft und geistlich, im rechten Glauben und in wahrer Gottseligkeit, dass wir unser Leben nach den Anweisungen des göttlichen Gesetzes ausrichten und nicht mit äußerlichen, jüdischen Zeremonien, die durch Christus abgetan worden sind in fleischlicher Weise und ohne Gottseligkeit des Herzens umgehen.

Auf Fleisch: Das bedeutet: auf die äußerliche Beschneidung des Fleisches und die Einhaltung der jüdischen Zeremonien, wie es die falschen Apostel tun, die die Beschneidung rühmen und sich vergebens bemühen, durch die Werke des Gesetzes die Seligkeit zu erlangen. Im Geiste aber oder in geistlicherweise Gott dienen heißt, ihn von Herzen nach dem rechten Sinn des Gesetzes ehren und den Nächsten lieben und aus ungefärbter Liebe ihm Gutes erweisen. Sich auf das Fleisch verlassen heißt, sich nur mit äußerlichen Zeremonien abmühen, ohne wahren Glauben und Gottseligkeit und unterdessen darauf vertrauen, dass wegen solcher andächtige Übungen die Vergebung der Sünden und das ewige Leben gegeben wird. Darum dient derjenige Gott im Geist, der aus wahrem Glauben an Christus seinem Nächsten dient, obwohl er ein geringes äußerliches Werk tut, so, wie wenn er einen Kranken treu versorgt und ihm mit Fleiß dient. Auf das Fleisch aber verlassen sich diejenigen, die mit äußerlichen Übungen des Gottesdienstes, die besonders von den Menschen erdacht worden sind, sich sehr bemühen, daneben aber ihr gottloses Leben nicht bessern und weder Gott noch den Nächsten von Herzen lieben. Auch hat man hier zu merken, dass heutzutage nicht die Juden, sondern die Christen gerechte Israeliten sind. Denn die Juden sind wegen ihres Unglaubens von Gott verstoßen und wir sind dem Ölbaum durch den Glauben eingepflanzt {Röm 11}. Aber alle, die durch ihre Werke die ewige Seligkeit suchen, gehören nicht zu den Christen, sondern zu den Juden, weil sie sich des Fleisches rühmen und sich darauf verlassen.

4. Obwohl ich auch habe, dass ich mich des Fleisches rühmen möchte. So ein anderer sich dünken lässt, er möge sich Fleisches rühmen, ich viel mehr {2Kor 11v18},

Rühmen möchte: Wenn es also damit getan wäre, dass sich jemand seiner fleischlichen Gerechtigkeit und Heiligkeit vor Gott rühmen durfte, möchte ich in diesem Stück keinem falschen Apostel etwas vorstellen. Denn weil die falschen Apostel rühmten, dass sie Israeliten und beschnitten wären und deswegen die Christen, die aus der Heidenschaft zu Christus bekehrt waren, verachteten, dazu mit der äußeren Gerechtigkeit des Gesetzes sehr viel Prunk betrieben, stellt Paulus, um den falschen Aposteln ihren Hochmut zu widerlegen, seine Person den falschen Aposteln gegenüber und zeigt an, wie er sich des fleischlichen Vorzug und der Gerechtigkeit des Gesetzes ebenso viel rühmen könnte wie sie, wenn es damit getan wäre. Aber er beachtet dies alles miteinander wie nichts, gegenüber der Erkenntnis Christi und den Guttaten gegenüber, die uns durch Christus widerfahren, deren sowohl die, die aus der Heidenschaft bekehrt worden sind, als auch die Juden teilhaftig werden.

Fleisches rühmen: Und dass er zu Recht Grund hat, sich auf die fleischliche Gerechtigkeit und Würde zu verlassen.

Viel mehr: Kann nämlich mit solchem fleischlichen Vorzug prangen.

5. Der ich am achten Tage beschnitten bin, einer aus dem Volk von Israel, des Geschlechts Benjamin, ein Hebräer aus den Hebräern und nach dem Gesetz ein Pharisäer {Apg 23v6 26v5},

Beschnitten bin: Und in den Bund aufgenommen worden, den Gott mit Abraham und seinen Nachkommen geschlossen hat.

Von Israel: Aus diesem Volk, welches Gott vor allen Völkern auserwählt hat, damit er sich ihm offenbart und ihm die Geheimnisse der wahren Religion anvertraut, bin ich geboren.

Benjamin: In diesem Stamm lag die Stadt Jerusalem, worin Gott den herrlichsten und heiligsten Tempel bauen ließ.

Aus den Hebräern: Denn mein Vater und meine Mutter waren Hebräer gewesen und ich bin nicht zuerst aus der Heidenschaft zu Christus bekehrt worden, so sind auch meine Eltern nicht Judengenossen gewesen, sondern ich habe meine Herkunft aus dem edelsten Geschlecht der Hebräer, woraus auch Abraham entsprungen ist.

Gesetz: Nach den Satzungen, die bei den Israeliten damals gleichwie das Gesetz geachtet wurden und auch fleißig hochgehalten wurden, wie über dem Gesetz Gottes selbst.

Pharisäer: Diese Sekte wurde bei den Israeliten für die heiligste und andächtigste gehalten und man meinte, dass die Pharisäer nicht nur das ganze geschriebene Gesetz Gottes halten würden, sondern auch mehr leisten würden, als sie Gott schuldig wären. Mit dieser Sekte verglichen sich früher die Kartäusermönche und heutzutage eifern ihnen die Jesuiten nach. Was die Vortrefflichkeit der Abstammung betrifft, womit sich jemand rühmen könnte, so hätten dies die Juden zu Recht tun können, weil deren Vorfahren, die heiligen Patriarchen, vortreffliche Leute gewesen sind, die Gott sehr lieb gehabt hatte, dass er auch freundlich mit ihnen Unterhaltungen geführt hat. Und Christus selbst, der Sohn Gottes, kommt von demselben Fleisch, aus dem das hebräische Volk geboren worden ist. Aber es können sich diejenigen ihres adligen Stammes und Herkommens zu Recht rühmen, die den Tugenden ihrer Vorfahren nachstreben.

6. nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit im Gesetz gewesen unsträflich {1Kor 15v9 Gal 1v13 v14}.

Verfolger: Dass ich mich unterstanden habe, die christliche Religion völlig auszurotten, weil ich meinte, dass sie dem rechten Glauben entgegenstehen würde. Denn ich war kein kaltsinniger und träger Verfechter des Gesetzes, sondern wollte die jüdische Religion mit großem Eifer schützen. Darum soll man an den Verfolgern nicht verzagen. Denn wenn sie bekehrt worden sind, so nehmen sie die rechte Religion mit großem Eifer an und handhaben diese, so wie sie zuvor die falsche Religion geschützt haben.

Im Gesetz: Welche die Israeliten in äußerlichen Sachen nach dem Gesetz leisten. Aber das Gesetz erfordert nicht nur eine äußere, sondern dazu auch eine innere und vollkommene Gerechtigkeit, die in diesem Leben kein Mensch leisten kann und auch wenn jemand vor den Menschen unsträflich lebt, so ist er doch deswegen vor Gott nicht ohne Tadel.

7. Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet.

Schaden geachtet: Nachdem ich Christus mit Glauben ergriffen und angenommen habe, so bemerke ich nun, dass es mir mehr geschadet als genützt hat, was mir zuvor im Judentum über die Maßen gefallen hat und weswegen ich mir einredete, dass ich besonders fromm und glückselig sein würde. Denn es geschieht zufällig, dass die Menschen ihre Gaben missbrauchen und damit prangen. Daher ist es viel leichter und es geschieht viel eher, dass die Zöllner und Sünder zu Christus bekehrt werden, als die Heuchler.

8. Denn ich achte es alles für Schaden gegen die überschwängliche Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um welches willen ich alles habe für Schaden gerechnet und achte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne

9. und in ihm erfunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird,

Erfunden werde: Weil ich ihm geistlich einverleibt bin, habe ich all mein Vertrauen auf menschliche Verdienste fahren lassen und mich ganz und gar meinem Heiland Christus ergeben. Denn nachdem ich erkannt hatte, dass er mein Heiland und Seligmacher ist und dass allein auf seinem Verdienst meine Gerechtigkeit und Seligkeit besteht, so halte ich den Schatz des Evangeliums so hoch, dass die äußere Gerechtigkeit der Werke, die ich früher unter dem Gesetz geleistet habe, übel vor mir stinkt und ich mich deswegen so gar nicht rühmen kann, dass ich vielmehr erkenne, dass sie mir schädlich gewesen ist und ich sie nun nicht besser als Kot und Unflat achte, nur damit ich Christus, der meine Gerechtigkeit ist, behalte. Und obwohl die weltliche Gerechtigkeit und der äußere Gehorsam, der nach dem Gesetz geleistet wird, von Gott zeitliche und leibliche Belohnung in diesem Leben zu erwarten hat, so ist dennoch diese Gerechtigkeit, solange der Mensch nicht zu Christus bekehrt wird, vor Gott nichts wert. Und die auf ihre Werke vertrauen, denen sind ihre guten Werke (jedoch zufällig) schädlich und gereichen ihnen eher zur Verdammnis, weil sie fälschlicherweise das Vertrauen von Christus auf die menschlichen Verdienste ziehen. Die so denken, werden schwer zu Christus bekehrt. So wie die Melancholiker, die meinen, sie wären gesund, schwer dazu überredet werden können, dass sie eine Arznei nehmen. Doch soll man dies alles nicht so verstehen, als würden gute Werke verboten sein oder für sich selbst zur Seligkeit schädlich oder hinderlich.

Aus dem Gesetz: Wenn man sich untersteht, das Gesetz zu halten. Dieser Gerechtigkeit will ich nicht trauen, weil sie das gerechte und strenge Gericht Gottes nicht erdulden kann, sondern ich will mich auf die Gerechtigkeit verlassen, die uns durch den Glauben an Christus widerfährt, wodurch uns Gott gerecht macht und er uns deswegen für gerecht hält. Diese Gerechtigkeit aber besteht auf dem Glauben, der den ganzen Verdienst Christi beinhaltet und uns zueignet. Deswegen ist unsere Gerechtigkeit vor Gott der Verdienst Christi, der uns durch den Glauben zugerechnet wird. Die Gerechtigkeit des Gesetzes aber ist ein Gehorsam, den ein Mensch dem Gesetz Gottes leistet, bevor er mit Gott wiederum versöhnt und durch den Glauben gerechtfertigt worden ist. Obwohl wir nun, nachdem wir gerechtfertigt worden sind, ein gerechtes Leben führen und dem Gesetz Gottes vollkommener gehorchen als vor der Rechtfertigung (denn diejenigen, die gerechtfertigt worden sind tun aus Glauben gute Werke und befleißigen sich, dem Gesetz von Herzen zu gehorchen). So muss man jedoch auch diese Gerechtigkeit dem Gericht Gottes nicht gegenüberstellen, weil sie unvollkommen ist.

10. zu erkennen ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, dass ich seinem Tode ähnlich werde,

Zu erkennen ihn: Nämlich Christus. Als wollte er sagen: Ich lege meinen Fleiß darauf, dass ich meinen lieben Heiland, Jesus Christus, mehr und mehr erkenne und weiß, welch große Guttaten uns daher widerfahren, dass er den Tod, den Teufel und die Hölle überwunden hat, wofür die herrliche Auferstehung Christi ein augenscheinliches Zeugnis ist. Und ich lerne täglich, dass es nicht anders sein kann, als dass wir mit ihm Widerwärtigkeiten und Trübsal leiden müssen, wenn wir der himmlischen Herrlichkeit teilhaftig werden wollen {Röm 8}. Darum möchte ich Christus in meinem Leiden (nach meinem Maß) gleichförmig werden, damit durch die Trübsal der alte Adam in mir für immer getötet wird und ich einmal in der seligen Auferstehung zu meinem Heiland, Christus, in den Himmel aufgenommen werde und so ständig bei dem Herrn sein kann {1Thes 4}. Hier hat man zu beachten, dass Paulus, ein solch vortrefflicher Mann, in der Erkenntnis Christi ständig zuzunehmen und weiterzukommen sich bemüht, während unsere Leute zum Teil, wenn sie kaum ein paar Predigten gehört haben, davon überzeugt sind, sie hätten die ganze Erkenntnis Christi vollkommen erreicht. Auch soll man wissen, dass wir mit Christus das Kreuz tragen müssen, wenn wir mit ihm herrschen wollen. Wir sollen aber den alten Menschen töten, damit die Sünde nicht in unseren sterblichen Leibern herrscht {Röm 6}. So wird es geschehen, dass die Auferstehung von den Toten uns zur Freude gereicht, wodurch wir in die ewige Seligkeit eingehen.

11. damit ich entgegenkomme zur Auferstehung der Toten.

12. Nicht dass ich es schon ergriffen habe, oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin.

Ergriffen habe: Was zur vollkommenen Erkenntnis Christi erfordert wird.

Vollkommen sei: So sehr, dass ich in der wahren Gottseligkeit nicht mehr zunehmen könnte. Denn damit nicht jemand, besonders von den falschen Aposteln, Paulus vorwerfen könnte, er würde sich seiner höchsten Vollkommenheit im Christentum rühmen und nicht weiter darin fortschreiten wollen, so setzt er zur Abwehr solcher Verleumdungen hinzu, wie er immer weiter nach größerer Vollkommenheit trachtet und strebt. Darum entpuppen sich die Katholiken und päpstlichen Schreiber als Heuchler, die im Klosterleben eine Vollkommenheit sehen und andere Schwärmer, die von der Vollkommenheit viel rühmen, wo doch Paulus sich selbst keine rechtschaffene und ganze Vollkommenheit in diesem Leben zumisst.

Ich sage: (Nach Luther: Christus hat mich berufen und so zu seiner Gnade gebracht, diesen möchte ich gerne genug tun und auch ergreifen.

Ergriffen bin: Weil Christus mich ergriffen hat, dass er mich armen Sünder aus dem Verderben herausgerissen hat, so bemühe ich mich nun, diesem, meinem Erlöser mit starkem und festen Glauben mehr und mehr zu ergreifen und ihm in meinem ganzen Leben ähnlich zu werden. Diese Dankbarkeit sind die Christen ihren Erlöser Jesus Christus schuldig.

13. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, dass ich es ergriffen habe. Eines aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, das da vorne ist,

Ergriffen habe: Nämlich eine vollkommene Erkenntnis Christi und ganze Vollkommenheit des Wandels. Hier hört man, dass der Apostel Christi überhaupt nicht vermessen gewesen ist.

Vorne ist: Ich erkenne zwar mit dankbaren Herzen meinen Fortschritt in der Erkenntnis Christi, werde aber dennoch mit dem gleichen Fleiß nach einer größeren Vollkommenheit der Erkenntnis und des Lebens zu streben, angetrieben, sodass sich das, was ich bereits erlangt habe, gleichsam hinter mich lege und größeren Dingen, die noch vor mir sind, mit vollem Lauf nachjage, damit ich einmal das himmlische, ewige Kleinod erlange, wozu mich Gott berufen hat, damit ich dieses, was Christus mit seinem Verdienst erlangt hat, ergreife. Deswegen sollen wir im Lauf der Gottseligkeit nicht stehen bleiben, viel weniger noch zurücklaufen, damit wir uns nicht selbst um das in Aussicht gestellte Kleinod bringen.

14. und jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu.

15. Wieviel nun unser vollkommen sind, die lasst uns also gesinnt sein. Und sollt ihr sonst etwas halten, das lasst euch Gott offenbaren,

Vollkommen sind: Die wir Gott mit Ernst und reinem Herzen dienen wollen, sollen so beschaffen sein, dass wir in dem gemeinsamen Beruf des Christentums immer weiterkommen möchten. Wenn aber in einer Aufgabe eine Besonderheit erforderlich ist, da wird Gott der Herr euch in dieser Sache durch den Heiligen Geist lehren, was ihr tun sollt. Denn man kann nicht jede Sache mit allen Umständen in Schriften begreifen. Darum sollen wir Gott bitten und anrufen, dass uns in zweifelhaften Dingen der Heilige Geist regiert, damit wir weise handeln. Die Katholiken geben sich hier erneut eine Blöße, die aus diesen Worten des Paulus (wie viel von uns vollkommen sind) bestreiten und behaupten wollen, dass der Mensch in diesem Leben zur absoluten Vollkommenheit gelangen könnte, und nehmen nicht wahr, dass der Apostel selbst kurz zuvor zweimal gesagt hat, er habe die Vollkommenheit noch nicht erlangt. Darum wird das Wort Vollkommenheit an dieser Stelle der Heuchelei und dem falschen Anschein entgegengestellt und ein vollkommener Mensch bedeutet für den Apostel Paulus an dieser Stelle ebenso viel, wie ein rechtschaffener, eifriger Christ, der sich den rechten Gottesdienst und die christliche Religion mit besonderem Ernst und Eifer von Herzen angelegen sein lässt.

16. doch so ferne, dass wir nach einer Regel, darein wir gekommen sind, wandeln und gleich gesinnt sind {Röm 15v5 1Kor 1v10}.

Einer Regel: (Nach Luther: Dass solche Offenbarungen nicht gegen den Glauben und die geistliche Einigkeit sind.

Gesinnt sind: Denn auch wenn wir in der Gottseligkeit weit fortgeschritten sind und in der Erkenntnis Gottes und seines Willens deutlich zugenommen haben, so sollen wir dennoch uns weiter mit allem Fleiß darum bemühen, dass wir im gleichen Sinn bleiben und keine Rotten oder Spaltungen in der Kirche anrichten. Dann aber werden wir gleich gesinnt sein, wenn wir von der Regel der apostolischen Lehre nicht abweichen. Wenn man dieses Gebot Paulus in der römischen Kirche besser beachtet hätte, wäre niemals so viele Orden in den Klöstern aufgekommen, auch nicht so viele falsche Meinungen und Menschensatzungen in der Kirche eingeführt worden. Wir sollen aber auch heutzutage unsere Gedanken in Religionssachen dahin ausrichten, dass wir nicht eine Handbreit von der apostolischen Regel abweichen, so werden wir allerlei Irrtümer leicht verhüten.

17. Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde {1Kor 4v16 11v1}.

Folgt mir: Und was ihr Lobenswertes an mir seht, das lernt von mir ab und bemüht euch in eurem Tun, auch so zu handeln. Denn nachdem der Apostel Paulus die Philipper ermahnt hatte, dass sie sich ständig bemühen sollen, in der wahren Gottseligkeit weiterzukommen und gesagt hat, dass er dies ebenfalls tut, so erinnert er sie jetzt, dass sie seinem und dem Beispiel anderer frommen Menschen folgen sollen. Danach klagt er über die, die die Religion und Frömmigkeit nicht mit Ernst behandeln.

Zum Vorbild: Dass sie meine Nachfolger sind. Denn die guten Beispiele besonders vortrefflicher Menschen vermögen viel, so dass dadurch andere gereizt werden, dem wahren Glück Gottseligkeit auch nachzustreben und sich bemühen, Gutes zu tun. Man soll sich aber hüten, dass man nicht den Schwächen und Gebrechen oder auch Lastern vornehmer Menschen nachfolgt, als deren Tugenden. Dieses Verhalten ist nichts Seltsames.

18. Denn viele wandeln, von welchen ich euch oft gesagt habe, nun aber sage ich auch mit Weinen: Die Feinde des Kreuzes Christi;

Viel wandeln: Nämlich so, dass sie wohl besser taugen (ich rede von denen, die sich zum Christentum bekennen) und mit der Tat zu verstehen geben, dass ihnen weder die Ehre Gottes noch ihre eigene Seligkeit zu Herzen geht. Darum ist diese, meine Erinnerung höchst notwendig.

Kreuzes Christi: Über solche Heuchler habe ich mich oft bei euch beklagt, dass sie den christlichen Namen führen, wo sie doch dem Kreuz Christi feind sind. Deren gottloses Wesen und ihre verstockte Bosheit beweine ich mit heißen Tränen. Paulus nennt aber diejenigen Feinde des Kreuzes Christi, die dem Kreuz und den Trübsalen in der Form entgehen möchten, dass sie inzwischen wenig darauf achten, wie die rechte Religion erhalten wird und nach keiner Gottseligkeit fragen. Damals, zu Zeiten des Apostels Paulus, waren dies die falschen Apostel, die das Gesetz und das Evangelium vermischten und behaupteten, dass die Beschneidung zur Seligkeit notwendig wäre, nur damit sie nicht von den Juden verfolgt würden. Heutzutage sind es die Lehrer oder Zuhörer, die ihre Religion nach dem Willen derer ausrichten, von denen sie merken, dass sie ihnen nützen oder schaden können. Es wäre aber zu wünschen, dass alle Kirchendiener einen solchen göttlichen Eifer hätten, dass sie das gottlose Wesen ihrer Zuhörer mit Ernst beweinen würden, denn so würden viele von ihnen fleißiger über die ihnen anvertraute Herde wachen und sich sorgen, dass die Schafe nicht von den Wölfen zerrissen werden.

19. welcher Ende ist die Verdammnis, welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zuschanden wird, derer, die irdisch gesinnt sind {Röm 16v18}.

Verdammnis: Der Apostel fährt noch weiter fort, die falschen Apostel und falschen Christen zu beschreiben, und sagt, dass sie nicht selig, sondern ewig verdammt werden. Denn wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt (sagt Christus), der ist meiner nicht wert und kann nicht mein Jünger sein {Mt 10 Lk 14}.

Ihr Gott ist: Sie dienen nicht Gott, sondern ihren Bauch und richten alles dahin, dass sie in dieser Welt köstlich leben und sich den Wolllüsten ergeben können. Denn die die Wollüste mehr lieben als Gott und sich mehr um die Nahrung als um die Ehre Gottes und die ewige Seligkeit sorgen, von denen wird nicht zu Unrecht gesagt, dass der Bauch ihr Gott ist.

zuschanden wird: Denn die falschen Lehrer, die vielmehr ihre eigene, als Gottes Ehre suchen, werden auch in dieser Welt zuschanden (wie es am Arrio ausreichend zu sehen ist, an den heutzutage mit schlechten Ehren gedacht wird) und wenn sie nicht Buße tun, werden sie auch in alle Ewigkeit zuschanden werden.

Irdisch gesinnt: Nur ihren zeitlichen Nutzen suchen, aber wenig daran denken, wie sie die himmlischen und ewigen Güter erlangen könnten. Weil aber alles Irdische (egal ob es Güter oder Wollüste sind) vergänglich ist, so sollen wir uns himmlische Schätze sammeln, die nicht verloren werden können. Und wir sollen die Welt so gebrauchen, dass wir diese nicht missbrauchen {1Kor 7}.

20. Unser Wandel aber ist im Himmel von dort wir auch warten des Heilandes Jesu Christi, des Herrn,

Im Himmel: Dort haben wir unser Bürgerrecht und dies wird unser Vaterland sein, worin wir zu Hause sein werden. In dieser Welt aber sind wir Gäste und Fremde und ziehen im Elend umher. Deshalb sollen wir viel mehr nach himmlischen als nach irdischen Dingen trachten.

Warten: Jede Stunde und jeden Augenblick, wenn er kommen wird und uns zu sich nehmen. Damit wir bereit sind und ihm gefallen können. Deswegen sollen wir uns nicht in der Eitelkeit dieser Welt vertiefen, sondern mit Freude auf die Ankunft Christi warten, weil er unser Heiland und nicht unser strenger Richter sein wird.

21. welcher unsern nichtigen Leib verklären wird, dass er ähnlich werde seinem verklärten Leibe, nach der Wirkung, damit er kann auch alle Dinge ihm untertänig machen.] {1Kor 15v43 v49}.

Nichtigen Leib: Der in diesem Leben großem Jammer, Unheil und allerlei Schwächen unterworfen ist.

Verklären wird: Und herrlich machen, wenn er mit seiner herrlichen Ankunft am Jüngsten Tag erscheinen wird. Denn unsere Leiber werden unverweslich, herrlich und geistlich auferstehen {1Kor 15}. Und die Auserwählten werden leuchten im Reich ihres Vaters, wie die Sonne {Mt 13}.

Der Wirkung: Die allmächtig ist, womit er dies zuwege bringen kann. Denn er hat alle Kreaturen in seiner Hand und in seiner Gewalt, dass er mit ihnen tun und in ihnen wirken kann, was und wie er will. Deshalb soll die Allmacht Christi in unseren Herzen die Auferstehung der Toten bestätigen. Und diese Allmacht bezeugt auch, dass Christus wahrer Gott ist. Weil auch Christus Gott und Mensch in einer Person ist, so ist wegen und in der persönlichen Vereinigung die Allmacht auch der angenommenen menschlichen Natur mitgeteilt. Daher sagt Christus: Mir ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben {Mt 28}. Deswegen sollen wir uns in allen Widerwärtigkeiten zu unserem allmächtigen Bruder Christus flüchten.


Das 4. Kapitel


1. Paulus ermahnt die Philipper zur Beständigkeit in der rechten Religion, wie auch zur Einigkeit und zu anderen Tugenden, die einem Christen wohl anstehen. 2. Er dankt ihnen auch für die Gabe, die ihm die Philipper gesandt hatten. 3. Und er beendet diesen Brief nach seiner Gewohnheit mit Grüßen.

1. Also, meine lieben und gewünschten Brüder, meine Freude und meine Krone, besteht also in dem Herrn, ihr Lieben!

Krone: Die ihr mir eine besondere Ehre und Zierde seid.

Besteht also: Und beharrt standhaft in der rechten Religion und Gottseligkeit, die Gott zu Recht fordert. Das Paulus, die Philipper Brüder nennt, noch dazu seine lieben und gewünschten Brüder lehrt, wie die Prediger gegenüber ihren Zuhörern gesinnt sein sollen. Die Zuhörer aber sollen Fleiß anwenden, dass sie durch ihren Gehorsam und Gottseligkeit den Kirchendienern eine Freude machen und ihnen eine Ehre sind. Denn das Werk lobt den Meister. Und die Kirche benötigt es, dass sie oft ermahnt und erinnert wird, damit sie in der rechten Lehre und in der Gottseligkeit standhaft ausharrt. Denn der Satan hat keinen Feierabend, sondern trachtet mit allem Fleiß danach, wie er die gut bestellte und aufgerichtete Kirche mit Fantasien und gräulichen Ärgernis zerrütteten kann.

2. Die Evodia ermahne ich, und die Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes sind in dem Herrn.

Die: Jetzt erinnert der Apostel Paulus zwei Frauen, die zweifellos in der Kirche in Philippi sehr berühmt und in hohem Ansehen gewesen sind, dass sie untereinander nicht streitsüchtig sein sollen, wie aus dem Kapitel, was nun folgt, anzunehmen ist.

Sinnes sind: Und in gottseligen Frieden, der Gott dem Herrn wohl gefällt, miteinander leben. Denn der Satan streut Uneinigkeit unter den Christen aus. Darum sollen wir uns bemühen, zwischen denen, die uneins sind, Frieden zu stiften. Nach dem Spruch: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen {Mt 5}. Es gefällt aber Gott solche Einigkeit gut, die auf Wahrheit und Gerechtigkeit gegründet ist.

3. Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Geselle, stehe ihnen bei, die alle mit mir über dem Evangelium gekämpft haben, mit Clemens und den andern meinen Gehilfen, welcher Namen sind in dem Buch des Lebens {Ps 69v29}.

Treuer Geselle: Von dem ich weiß, dass er es durch die rechte Religion mit Ernst und treu meint.

Nach Luther: Dies ist mein besonders treuer Geselle vor anderen, der es von Herzen meint, wie ich, im Evangelium zu predigen. Ich denke aber, er meint den vornehmsten Bischof in Philippi.

Ihnen bei: Nämlich, den vorher angesprochenen beiden Frauen, in Religionssachen.

Evangelium: Damit dieses fortgepflanzt wird.

Des Lebens: Denn ich zweifle an ihnen am wenigsten, dass sie keine rechtschaffenen Christen und deswegen auch Erben des ewigen Lebens wären. Der Geselle, den Paulus hier anspricht, ist zweifellos einer von den vornehmsten Kirchendienern bei den Philippern gewesen. Desgleichen muss Clemens auch ein frommer Mann gewesen sein, der geholfen hat, die evangelische Lehre zu fördern. Jedoch sind die Schriften, die unter seinem Namen umhergeschleift werden, worin auch das Gespräch des Apostels Petrus mit dem Zauberer Simon steht, ein reines Lappenwerk und zweifellos von einem faulen und noch dazu ungelernten Mönch ausgedacht, so wenig findet sich auch nur ein Anschein der wahren Gottseligkeit darin. Von den Frauen aber soll man wissen, dass es ihnen nicht geziemt, öffentlich in der Kirche zu lehren und zu predigen, aber dennoch können sie auf andere, ehrliche Weise, das Evangelium fördern. Dass aber Paulus die zerstrittenen Frauen dennoch unter die zählt, die rechtschaffene Christen und Erben des ewigen Lebens sind, erinnert uns daran, dass es wohl geschehen kann, dass auch bei recht frommen Menschen gelegentlich ein Missverständnis auftaucht, dass man jedoch auszuräumen sich bemühen soll. Denn im Buch des Lebens eingeschrieben sein heißt, ein rechtschaffener Christ sein, an dessen Glauben und Seligkeit man nicht zweifelt.

4. Freut euch in dem Herrn allewege; und abermals sage ich: Freut euch!

Freut: Jetzt fügt der Apostel Paulus allerlei Trost und allgemeine Ermahnungen hinzu.

In dem Herrn: So, dass Gott mit solcher Freude nicht beleidigt und erzürnt wird, sondern vielmehr Gefallen daran hat. Denn die Welt hat ihre Lust und Freude an ungebührlichen Wolllüsten, die vor Gott ein Gräuel sind. Gott will aber, dass wir immer fröhlich und getrost sind und uns nicht durch Traurigkeit und Kummer selbst ermüden. Und die Christen freuen sich richtig, wenn sie sich an die Guttaten Christi erinnern und darüber fröhlich sind, dass sie mit Gott versöhnt und zu Erben des ewigen Lebens eingeschrieben worden sind. Weiter freuen sie sich auch, wenn sie die zeitlichen Güter mit dankbaren Herzen genießen, die sie durch die milde Güte des himmlischen Vaters empfangen haben. Schließlich freuen sie sich mit einer inneren Freude des Herzens, wenn sie um Christi willen Trübsal und Verfolgung erleiden, wie in der Apostelgeschichte im Kapitel 5 Vers 41 von den Aposteln geschrieben steht, nachdem sie öffentlich gegeißelt worden waren: Sie gingen fröhlich von dem Angesicht des Rats, dass sie würdig gewesen waren, um des Namens Jesu willen Schmach zu erleiden.

5. Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen. Der Herr ist nahe.

Allen Menschen: Erweist euch gegenüber jedermann als sanft und freundlich und nicht als streng. Denn man soll die strenge Gerechtigkeit mit dem rechten Augenmaß mildern, da ansonsten, wenn man das Recht gar zu hart anwendet, oftmals die größte Ungerechtigkeit daraus entsteht.

Ist nahe: Dass er uns hilft, versorgt und bewahrt.

6. Sorgt nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden {Mt 6v25}.

Sorgt nicht: Ängstigt euch nicht selbst mit unnötigen Sorgen, damit ihr euch nicht selbst ermüdet.

Kund werden: Denn Gott will nicht, dass wir uns selbst mit Sorgen und Kummer martern und plagen, sondern wir sollen ständig mit dem Gebet zu Gott fliehen und ihn für seine Guttaten, die wir bereits empfangen haben, preisen und wir sollen all unsere Anliegen auf den Herrn werfen, der uns nahe ist, dass er uns erhalten und erretten möge. Denn Sorgen helfen nicht, aber das Gebet hilft viel.

7. Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu!]

Friede Gottes: Wodurch ihr mit Gott versöhnt seid. Dies ist eine solch große Guttat, dass sie keine menschliche Vernunft ausreichend begreifen kann. Dieser Friede möge eure Herzen in all euren Trübsal und Anfechtungen bewahren und erhalten, dass ihr in eurem Heiland Christus bleibt und nicht von ihm abfallt. Darum sollen wir die Versöhnung mit Gott allen Widerwärtigkeiten entgegensetzen, so werden wir glücklich gewinnen. Denn wenn wir durch Christus mit Gott versöhnt sind, so ist es sicher, dass uns alles zum Besten dient {Röm 8}. Und die Trübsal wird uns vom himmlischen Vater deshalb geschickt, nicht, damit wir verderben, sondern dass wir zum ewigen Leben erhalten werden.

8. Weiter, liebe Brüder, was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denkt nach.

Weiter: Es folgt eine andere Ermahnung, als wollte er sagen: Ich bitte euch, als meine lieben Mitbrüder in Christus, dass ihr euch wohl besinnt und mit höchsten Fleiß danach strebt, zu tun, was wahrhaften Leuten, die aufrichtig und ohne Heuchelei sind und auch ehrbaren, züchtigen, gerechten, freundlichen und keuschen Menschen wohl ansteht. Eure Sitten und Gebärden mögen lieblich sein, dass sie euch bei frommen Menschen Gunst verschaffen und gehen mit solchen Sachen um, die euch einen guten Namen schaffen. Befleißigt euch aller Tugenden und tut solche Dinge, die von verständigen Menschen gerühmt und gelobt werden können. Denn das habe ich euch gelehrt und gleichsam übergeben. Dies habt ihr von mir gehört und am Beispiel meiner Person habt ihr diese Tugenden gesehen. Wenn er das tun wird, so wird der Herr, der ein Gott des Friedens ist, geben, dass ihr ein ruhiges Leben führen könnt. Es sollen sich deswegen bei den Christen keine Heuchelei, Lügen, Leichtfertigkeit, Spitzbübereien, Ungerechtigkeit oder Unrecht, Unreinheit, Unkeuschheit im Reden, bei den Kleidern, bei Gebärden oder Werken finden. Sie sollen nicht störrisch und missgünstig sein, sondern alles meiden, weshalb man ihnen zu Recht übel nachreden könnte. Jedoch sollen sie den Tugenden und allem was löblich ist, nachstreben. Sie sollen der Frömmigkeit ihrer Kirchendiener folgen, so wird Gott ihnen viel Ruhe verleihen. Denn ein heiliges und unsträfliches Leben pflegt die Verfolgungen umso eher zu stillen, wenn am christlichen Wandel nichts gespürt wird, das nicht lobenswert wäre.

9. Welches ihr auch gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut, so wird der Herr des Friedens mit euch sein {Röm 15v33 2Kor 13v11}.

10. Ich bin aber hoch erfreut in dem Herrn, dass ihr wieder wacker geworden seid, für mich zu sorgen, wiewohl ihr allewege gesorgt habt; aber die Zeit hat es nicht wollen leiden.

Ich: Die Philipper hatten durch Epaphroditus dem Apostel Paulus eine Spende geschickt, damit er im Gefängnis keinen Mangel leiden müsste. Dafür bedankt er sich jetzt.

In dem Herrn: Um seiner Güte willen mir gegenüber, indem er mich durch eure Unterstützung versorgt hat.

Wollen leiden: Dass ihr mir hättet etwas schicken können. Daher hatte es eine Zeit lang den Anschein, als hättet ihr mich vergessen, aber weil ihr euch jetzt wiederum gebührend gegen mich gezeigt habt, so muss ich daraus annehmen, dass es nicht an eurem guten Willen, sondern an der Gelegenheit gefehlt hat. Hier hat man zu merken, dass auch bei den rechtschaffenen Christen die Liebe gelegentlich schwach und matt wird und ein Ansehen gewinnt, als wäre sie erloschen. Aber wenn sie mit dem Wort und dem Geist Gottes aufgemuntert wird, so wird sie wiederum stark. Daneben aber sollen wir auch lernen, die Schwächen der Frommen nicht aufzumotzen und ein großes Geschrei davon zu machen, sondern sie vielmehr nach dem Beispiel des Paulus höflich entschuldigen und alles zum Besten deuten.

11. Nicht sage ich das des Mangels halben; denn ich habe gelernt, bei welchen ich bin, mir genügen lassen.

Nicht: Die folgenden Worte haben den Sinn: Ich schreibe euch dies nicht darum, als wollte ich mich über einen erlittenen Mangel bei euch beklagen. Denn wo ich bin, da kann ich mit dem, was ich hier habe, durchaus zufrieden sein. Ich kann Mangel leiden und mich verachten lassen, zumal die Armen allgemein verstoßen und verachtet sind. Auch kann ich einen glücklichen Zustand mit Danksagung erkennen und annehmen. In der Summe, wo und bei wem ich lebe, da bin ich in Gottes Gnade so gefasst und gerüstet, dass ich satt sein kann und keinen Hunger leide und dass ich weiß, wie ich mich im Überfluss und im Mangel verhalten soll, damit ich beides mit Dank und Geduld aufnehme. Dies aber vermag ich durch Christus, der mich mit seinem Geist regiert, damit ich im Glück das Fleisch im Zaum halte, in Widerwärtigkeiten aber stärkt er mich mit demselben Geist, dass ich nicht darnieder liege. So sollen auch alle Christen, besonders aber die Kirchendiener gesinnt sein, dass sie im Wohlstand und Überfluss in der Furcht Gottes bleiben, das Fleisch im Zaum halten und die Gaben Gottes mit fröhlichem und dankbaren Herzen Gott gegenüber gebrauchen. In Mangel und Unglück aber sollen sie den Mut nicht fahren lassen, noch etwas tun, was einem Christenmenschen und seiner Aufgabe übel ansteht.

12. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, beide, satt sein und hungern, beide, übrig haben und Mangel leiden.

13. Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.

14. Doch ihr habt wohl getan, dass ihr euch meiner Trübsal angenommen habt.

Angenommen habt: Und euch bemüht habt, meine Trübsal durch eure Freigebigkeit zu lindern. Denn weil die Christen die Glieder eines Leibes sind, so ist es recht, dass sie die Trübsal anderer Mitbrüder annehmen, als wenn es ihre eigenen wären und aus rechtschaffener Liebe denen, die in Gefahr stecken, Hilfe leisten.

15. Ihr aber von Philippi wisst, dass von Anfang des Evangeliums, da ich auszog aus Mazedonien, keine Gemeinde mit mir geteilt hat nach der Rechnung der Ausgabe und Einnahme denn ihr alleine.

Ihr aber: Paulus fährt noch weiter fort, die Freigebigkeit und Liebe der Philipper zu rühmen, und sagt, dass sie mehr geleistet hätten, als die anderen Kirchen in Mazedonien.

Des Evangeliums: Als ich euch zunächst in Mazedonien das Evangelium predigte, wie er selbst am besten ist und ich danach aus Mazedonien weggezogen bin, half mir keine Kirche in Mazedonien von ihren Gütern zu meinem und dem Unterhalt meiner Gefährten, als ihr allein. Darum sind eure Guttaten, die ihr mir bisher erwiesen habt in der Rechnung der Einnahmen und Ausgaben, worin Gott die Werke der Liebe zu verzeichnen pflegt, die die Christen einander leisten, damit er sie zu seiner Zeit reichlich belohnen kann. Denn obwohl Gott weder Tinte noch Papier oder Pergament dazu gebraucht oder benötigt, dass er die Werke der Liebe aufzeichnet, hat er doch ein gutes Gedächtnis. So will jedoch Paulus mit diesen Worten lehren, dass keine Guttat, die wir dem Nächsten um Christi willen leisten, bei Gott in Vergessenheit geraten wird. Und Paulus bezieht sich auf den Spruch des Propheten Maleachus, der so lautet: Der Herr merkt es und hört es und es ist für ihn ein Erinnerungszettel geschrieben für diejenigen, die den Herrn fürchten und an seinen Namen denken {Mal 3}.

16. Denn gen Thessalonich sandtet ihr zu meiner Notdurft einmal und danach aber einmal.

Aber einmal: Diese besondere Erzählung der Guttaten soll die Diener des Evangeliums, ja auch alle Christen erinnern, dass sie für die empfangenen Guttaten nicht undankbar sein sollen.

17. Nicht, dass ich das Geschenk suche, sondern ich suche die Frucht, dass sie überflüssig in eurer Rechnung sei.

Nicht: Mit folgenden Worten will Paulus den Argwohn von sich ableiten, damit er nicht des Geiz deswegen in Verdacht kommt. Als wollte er sagen: Ich strebe nicht nach dem Geschenk, sondern ich möchte, dass, wenn ihr mir reichlich etwas beisteuert, dass ihr eine überflüssige Frucht davon empfand, wenn Gott seine Rechnung hervorsuchen wird, womit er die Werke der Liebe, die ihr mir erwiesen habt, euch wiederum belohnt. Denn die Kirchendiener sollen nicht geldgierig sein. Die aber reichlich Almosen spenden, die werden auch reichen Segen von Gott empfangen. Denn von wem Gott in seinen Gliedern viele Guttaten empfangen hat, dem wird er auch viele wieder gegeben.

18. Denn ich habe alles und habe überflüssig. Ich bin erfüllt, da ich empfing durch Epaphroditus, was von euch kam, ein süßer Geruch, ein angenehm Opfer, Gott gefällig.

Überflüssig: Weil ich mit dem wohl zufrieden bin, was ich jetzt habe. Es steht also Paulus den Argwohn des Geizes noch weiter von sich. Denn die unersättliche Begierde nach Geld soll einem Christenmenschen fern sein und sich jeder mit seinem Stand begnügen, zumal jemand genug hat, wenn er es sich genügen lässt.

Erfüllt: Es ist mir mehr als genug geschehen.

Euch kam: Und ihr mir geschickt habt, um meinen Mangel zu lindern.

Süßer Geruch: So wie früher im Alten Testament die Opfer, die von den Bußfertigen geopfert wurden nach dem vorgeschriebenen Gesetz Gottes, Gott ein süßer Geruch genannt wurden, so sind die Werke der Liebe, die dem Nächsten erwiesen werden, Gott ein angenehmes Opfer, nach dem Spruch: Vergesst nicht, Gutes zu tun und mitzuteilen. Denn solche Opfer gefallen Gott gut {Hebr 13}. Und dennoch kann man mit solchen Opfern der Almosen die Sünden vor Gott nicht versöhnen, sondern es wird dadurch allein die Dankbarkeit gegenüber Gott für die empfangenen Wohltaten erklärt.

19. Mein Gott aber erfülle alle eure Notdurft nach seinem Reichtum in der Herrlichkeit in Christo Jesu!

Mein Gott: Jetzt fügt Paulus einen gottseligen Wunsch hinzu.

Eure Notdurft: Gott gebe euch für diese, eure Guttaten, die ihr mir erwiesen habt, alles, was ihr benötigt und um Christi willen davon reichlich. Denn er ist ein reicher Gott, zu dessen Majestät es gehört, dass er die Werke der Liebe reichlich belohnt. Die gottseligen Wünsche aber, die frommen Menschen gewünscht werden, sind sehr kräftig und Gott ist so reich, dass seine Schätze niemand ausschöpfen kann, darum sollen wir mit Wohltaten in der Hoffnung auf Belohnung nicht träge sein.

20. Dem Gott aber und unserm Vater sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Vater: Der uns mit väterlicher Liebe zugetan und gewogen ist, diesen soll man loben und preisen in alle Ewigkeit, weil er so viele und große Guttaten an Leib und Seele erwiesen hat. Denn wir sollen Gott loben um all das Gute, das wir von ihm haben.

21. Grüßt alle Heiligen in Christo Jesu. Es grüßen euch die Brüder, die bei mir sind.

Alle Heiligen: Nämlich alle Gläubigen. Denn diese sind wahrhaftig heilig und durch den Glauben Christus einverleibt. Die apostolischen Grüße lehren uns, dass die christliche Religion keine Starrköpfe, unfreundliche Holzböcke und Wiedertäufer schafft, sondern leutselige und freundliche Menschen.

Mir sind: Und mich in meiner Gefangenschaft bisher nicht verlassen haben, sondern mein Elend gemildert, so viel sie konnten. Denn die Gefahr unterscheidet die rechten Freunde von den falschen.

22. Es grüßen euch alle Heiligen, sonderlich aber die von des Kaisers Hause.

Heiligen: Die in Rom die christliche Religion angenommen haben.

Kaisers Haus: Die Hofleute des Kaisers Nero teilweise. Denn es finden sich gelegentlich auch an gottlosen Herrenhöfen Heilige, das rechtschaffene, fromme und gottselige Menschen. Und es sind nicht das die rechten Heiligen, die der Papst heilig macht und kanonisiert, wie man es nennt, sondern die das Evangelium Christi mit wahrem Glauben annehmen.

23. Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch allen! Amen.

Euch allen: Gott bleibe euch mit seiner Gnade stets gewogen, die euch Christus verdient hat. Denn es gibt keinen größeren Schatz als Gottes Gnade und Huld, die uns Christus mit seinem Leiden erlangt und zu Wege gebracht hat. Diesem, samt dem Vater und dem Heiligen Geist sei Lob, Ehre und Preis in alle Ewigkeit, Amen.

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Epaphroditus: Der in diesem Brief mehrmals genannt worden ist, dass er in Philippi ein Kirchendiener gewesen und mit einer Steuer zu Paulus nach Rom geschickt worden war.