Die Klagelieder Jeremias


In diesem Büchlein beweint der Prophet Jeremia das Elend und Jammer, welches das Volk Gottes in währender Belagerung der Stadt Jerusalem wie auch in derselben Eroberung und Zerstörung desgleichen später im Elend erlitten hat. Denn er gewollt, dass ein öffentliches Zeugnis und ewiges Gedächtnis bliebe des gerechten Zorns Gottes wider die Bosheit und Sünden und dass Gott die falschen Gottesdienste und Laster auch an seiner Kirche nicht ungestraft lasse. Soll uns deswegen diese traurige Klage erinnern, dass wir uns vor Verfälschung der göttlichen Lehre, so uns von Gott gegeben und vor Sünden hüten, damit wir nicht einmal gleiche Klagen hören oder auch aus der Erfahrung lernen müssen. Es mengt aber dennoch der Prophet zwischen seinen Klagen lieblichen Trost mit unter für das Volk Gottes, so im Unglück steckte, wie nämlich Gott seine Kirche und ihre Glieder nicht darum plage und betrübe, dass er sie verderbe, sondern dass sie unter die gewaltige Hand Gottes gedemütigt und selig werde. Welcher herrliche Trost allen denen, die unter dem Kreuz bedrückt und um der Sünden willen geplagt werden, sehr nützlich ist. Auf dass sie Gottes väterliches Herz gegen sich unter der Züchtigung erkennen lernen und nicht verzagen, sondern durch den Glauben an die Barmherzigkeit Gottes um des Mittlers Christi willen und in der Hoffnung zum ewigen Leben durch den Heiligen Geist erhalten werden.


Das 1. Kapitel.


I. Die jüdische Kirche beweint den Untergang der Stadt und des Tempels, desgleichen ihre Verachtung der Freunde Abfall und der Feinde Grausamkeit. v. 1. II. Erkennt ihre Sünde. v. 11. III. Und begehrt Hilfe und Rache von Gott. v. 20.

1. Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe. Die eine Fürstin unter den Heiden und eine Königin in den Ländern war, muss nun dienen.

Wüste: Dass sie von jedermann verlassen ist, die zuvor so herrlich und berühmt war und voller Einwohner. [Denn eine große Menge der Bürger ist einer Stadt eine Zierde und Wohlstand gleichwie dagegen, wo wenig Einwohner sind, auch die Stadt verachtet und in kein Ansehen hat].

Witwe: Nämlich verlassen und verachtet und ist ein feines Gleichnis, da die Stadt einer betrübten Weibsperson verglichen wird, so nirgends keinen Trost mehr weiß.

Fürstin: So vor der Zeit die benachbarten Heiden unters Joch brachte und auch den weit abgelegenen Völkern einen Schrecken einjagte.

Ländern: Von denen sie Zoll und Zinsen einnahm, wie die Bücher Samuels und der Könige bezeugen.

Dienen: Dass sie unters Joch gebracht wurde und was die Chaldäer von den Israeliten übergelassen, denselben zinsbar sein musste, auch etliche zu Babel ganz in die Dienstbarkeit gesteckt wurden. [Hier sieht man, was für große Veränderungen mit den Menschen sich begeben können, darum sollen wir nicht stolz werden, wenn wir großes Glück haben].

2. Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen. Es ist niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröste; alle ihre Nächsten verachten sie und sind ihre Feinde geworden.

Nachts: Nämlich die israelitische Kirche und Regierung empfindet auch des Nachts keine Ruhe vor großem Jammer und Herzeleid. [Es hat aber die Freude seine Zeit und die Traurigkeit auch seine Zeit, wie der Prediger Salomo sagt (Kapitel 3]. Wenn wir deswegen das Gute empfangen haben von der Hand des Herrn, warum wollten wir das Böse auch nicht annehmen {Hi 2}]?

Feinde geworden: Dass sie weder Hilfe noch Trost mehr von ihnen zu erwarten hatten, sondern nur Schmerzen und Herzeleid von ihnen empfängt. [Ob nun wohl den Israeliten mit ihrer Strafe nicht Unrecht geschehen, weil sie auf ihr Bündnis, die sie mit den gottlosen Völkern gemacht, sich verlassen, denn man soll nicht auf Menschen, sondern auf Gott sein Vertrauen setzen: So lehrt doch auch der Prophet an diesem Ort, dass die Kirche in ihren Trübsalen auch von denen verlassen werden, die ihr hätten sollen zu Hilfe kommen und befindet eben die als ihre Feinde, an welcher Freundschaft sie zuvor nie gezweifelt].

3. Juda ist gefangen im Elend und schwerem Dienst; sie wohnt unter den Heiden und findet keine Ruhe; alle ihre Verfolger halten sie übel.

Dienst: Damit das jüdische Volk zu Babel belegt wird.

Heiden: Welche sehr hart und unbarmherzig mit der Gemeinde des Volkes Gottes umgehen.

Ruhe: Denn es muss das jüdische Volk auch in der Gefangenschaft sich alle Stunde und Augenblick des Lebens erwägen und ist nirgends sicher.

Übel] Also dass die israelitische Kirche in großen Ängsten und Nöten steckt, daraus sie sich selbst nicht helfen kann, weil sie in ihrer Verfolger Hand gekommen. [Denn welche der Freiheit als einer besonderen Guttat Gottes missbrauchen, die müssen endlich mit ihrem Schaden erfahren, was die Dienstbarkeit für Beschwerden auf sich hat. Also wird es Deutschland auch ergehen, wo man nicht durch wahre Buße das herzu nahende Unglück abwenden wird].

4. Die Straßen gen Zion liegen wüste, weil niemand auf kein Fest kommt; alle ihre Tore stehen öde; ihre Priester seufzen, ihre Jungfrauen sehen jämmerlich und sie ist betrübt.

Zion: Da der heilige und herrliche Tempel Gottes gestanden.

Fest: Die Gott selbst da zu halten und zu feiern befohlen.

Ihre Tore: Nämlich der Stadt Jerusalem, darin der wahre Gott Israels vorzeiten geehrt wurde.

Seufzen: Weil sie dem Gottesdienste nicht mehr angemessen dienen können, nachdem der Tempel zerstört und verbrannt ist.

Jämmerlich: Die zuvor ganz hübsch und schön gewesen sind, jetzt in einem traurigen Gefängnis nicht allein ohne allen zierlichen Schmuck, sondern auch mit erbleichten und entfärbten Angesichtern voller Jammers und Trübsal.

Sie ist: Nämlich die ganze Kirche steckt voller Traurigkeit und Bekümmernis. [Denn Gott lässt es eine Zeit lang geschehen, dass die äußerliche Übung der rechten Religion gehindert und allerdings aufgehoben wird, also dass es ein Ansehen hat, als lege die Religion zugleich mit dem Regiment ganz und gar zu Boden].

5. Ihre Widersacher schweben empor, ihren Feinden geht es wohl; denn der Herr hat sie voll Jammers gemacht um ihrer großen Sünden willen; und sind ihre Kinder gefangen vor dem Feinde hingezogen {5Mos 28v43 v44}.

Empor: Dass sie über die Kirche Gottes herrschen.

Gemacht: Gott selbst hat seiner Kirche solche Unglücke zugeschickt.

Willen: Denn sonst hätten die Feinde nichts wider sie vermocht und sie wohl müssen zufriedenlassen.

Hingezogen: Die Chaldäer haben das junge Gesindlein vor ihnen dahin getrieben, wie einer das unvernünftige Vieh vor ihm hertreibt. [Denn Gott lässt die Feinde der Kirche bisweilen hoch steigen, dass sie danach desto härter fallen].

6. Es ist von der Tochter Zion aller Schmuck dahin. Ihre Fürsten sind wie die Widder, die keine Weide finden und matt vor dem Treiber hergehen.

Dahin: Was die Stadt Jerusalem Köstliches und Herrliches hatte, dass ist ihr genommen worden. Denn der Tempel ist zerstört, das Priestertum und der Gottesdienst aufgehoben, das Volk erwürgt oder gefangen. In Summe, das ganze Königreich Juda ist verwüstet und die Hauptstadt Jerusalem zugrunde gerichtet, was soll denn noch geblieben sein?

Finden: Sondern vor Hunger verschmachten und keine Kraft behalten. Dergestalt haben auch die Fürsten des Volkes Gottes ihre Kräfte an Leib und Gemüt verloren, dass sie dem Feinde nicht mehr widerstehen können, sondern sind mit erschrockenem und verzagtem Herzen wie das Vieh gen Babel in die Dienstbarkeit getrieben worden. [Denn der Kirche Sachen haben bisweilen so ein böses Ansehen, dass man meinen möchte, es wäre allerdings aus mit ihr. Aber Gott erhält sie unter des wunderlich].

7. Jerusalem denkt in dieser Zeit, wie elend und verlassen sie ist und wieviel Gutes sie von alters her gehabt hat, weil all ihr Volk darniederliegt unter dem Feinde und ihr niemand hilft; ihre Feinde sehen ihre Lust an ihr und spotten ihrer Sabbate {Jer 13v22 v26}.

Denkt: Jetzt führt es die Kirche des Volkes Gottes ihr allererst zu Gemüte, wie übel es mit ihr stehe, dass sie schier ganz vertilgt wurde, und hält diesen elenden Zustand gegen die vorigen Zeiten, da sie in großen Ehren geschwebt und aller Dinge einen Überfluss hatte.

Liegt: Und sie aller Ehren und Würden beraubt ist. [Denn damals erkennen wir allererst das Gute, so wir hatten, wenn wir es verloren haben].

Lust: Dass sie sich um ihrer Angst und jämmerlichem Unfall sehr freuen.

Sabbate: Das ist ihrer Religion: Dass sie sprechen, wo ist nun eure jüdische Religion, die ihr allen anderen Völkern Gottesdiensten immer weit vorgezogen habt? [Denn die Sabbate waren von Gott eingesetzt, dass man sie halten soll. Darum verlachten die Feinde die rechte Religion mit diesen und dergleichen Worten. Und muss die Kirche Gottes bisweilen solche teuflischen Stichreden und Lästerungen wider die reine Religion mit großem Schmerzen hören].

8. Jerusalem hat sich versündigt, darum muss sie sein wie ein unreines Weib. Alle, die sie ehrten, verschmähen sie jetzt, weil sie ihre Scham sehen; sie aber seufzt und ist zurückgekehrt.

Versündigt: Und an Gott schwer vergriffen. [Denn die Kirche ist nicht allerdings rein und ohne Sünde].

Unreines Weib: Das ist, Gott hat gemacht, dass jedermann sich für seiner Kirche scheut, als wie man ein Weib in ihrer Unreinigkeit zu scheuen pflegt.

Scham sehen: Wie sie ist zuschanden geworden und in große Verachtung gekommen, darum halten sie nichts mehr auf sie.

Seufzt: Über ihr großes Elend klagt sie ganz jämmerlich.

Gekehrt: Sie hat kein Glück noch Fortgang mehr, sondern es ist ihr alles zuwider, was sie anfängt, darum besteht sie immer mit Schaden. [Denn die Verachtung der Gebote Gottes macht, dass wir wieder verachtet werden, von unseren Feinden].

9. Ihr Unflat klebt an ihrem Saum. Sie hätte nicht gemeint, dass ihr zuletzt so gehen würde. Sie ist ja zu gräulich heruntergestoßen und hat dazu niemand, der sie tröstet. Ach, Herr, siehe an mein Elend; denn der Feind prangt sehr!

Saum: Also dass ihre Unreinigkeit von jedermann gesehen wird, nämlich ihre Sünden samt derselben Strafen, die sich nicht mehr verbergen lassen. [Denn die Abgötterei ist vor Gott viel abscheulicher, als irgendeine Unreinigkeit vor den Menschen sein mag].

Gehen: Dass solche schrecklichen Strafen auf ihre Sünden erfolgen würden. [Denn wenn es sicheren Leuten gut geht, so glauben sie den göttlichen Drohungen nicht].

Gestoßen: Dass sie aller ihrer Ehren und Würden beraubt worden.

Tröstet: In ihrer großen Traurigkeit. [Denn wenn es der Kirche übel geht, so wird sie auch von ihren Freunden verlassen].

Ach Herr: Jetzt wendet sich die Kirche mit ihrem Seufzen und Gebet zu Gott: Als wollte sie sprechen: Verstoß mich nicht allerdings von deinem Angesicht, auf dass die Feinde, welche sich bereits genug wider mich erhoben, nicht noch mehr trotzen und pochen. [Denn wenn die Kirche Gott gleich heftig beleidigt hat, so demütigt sie sich doch vor ihm und seufzt zu ihm, wird auch zu seiner Zeit erhört].

10. Der Feind hat seine Hand an alle ihre Kleinode gelegt; denn sie musste zusehen, dass die Heiden in ihr Heiligtum gingen, davon du geboten hast, sie sollten nicht in deine Gemeinde kommen.

Gelegt: Nämlich die Chaldäer haben alles verunreinigt, geplündert und verwüstet, was die jüdische Kirche Köstliches hatte, als da sind gewesen der Tempel, selbst der Schmuck und die köstlichen Sachen, so darin gewesen und was man zum Gottesdienst gebraucht.

Gingen: In den allerheiligsten Tempel und an die heiligen Orte, so zum Gottesdienst geweiht waren.

Kommen: Nämlich zu der Versammlung deines Volkes, wenn sich es am heiligen Ort zum Gottesdienst beisammen gefunden. Denn da es noch wohl mit uns stand in unserem Regiment, hätte ihrer keiner hineingucken dürfen, will geschweige darin gehen. [Heutigentags ist es ein viel jämmerlicheres Spektakel, wenn die Ketzer in die Kirche Gottes einfallen und die gottselige Lehre mit verkehrten und irrigen Meinungen besudeln, auch die Sakramente Christi entheiligen und mit Füßen treten, wie besonders die Zwinglianer, Wiedertäufer und Schwenkfelder tun].

11. All ihr Volk seufzt und geht nach Brot; sie geben ihre Kleinode um Speise, dass sie die Seele laben. Ach, Herr, siehe doch und schaue, wie schnöde ich worden bin!

Volk: Das noch in der jüdischen Kirche übrig ist.

Brot: Da es zuvor in allem Überfluss gelebt, kann sich es jetzt des Hungers nicht erwehren.

Kleinod: Die sie noch übrig haben und nicht in der Feinde Hand gekommen sind.

Laben: Damit sie nicht aus großer Mattigkeit verschmachten und sterben. [Denn Gott straft den Überfluss in Essen und Trinken mit Armut und Hunger].

Ach Herr: Nachdem die Kirche unter dem Kreuz gedemütigt wurde, wendet sie sich abermals zum Gebet, dass Gott ihr Elend ansehen, sich ihrer erbarmen und das Kreuz lindern wolle. [Denn wenn wir von den Menschen verlassen und verachtet werden, so sollen wir vor Gott unsere Not ausschütten].

12. Euch sage ich allen, die ihr vorübergeht: Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat. Denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht am Tage seines grimmigen Zorns.

Ich: Nämlich die ich Gottes Kirche und Gemeinde heiße.

Getroffen: Der mich quältet und ängstigt. [Denn es lässt sich bisweilen ansehen, als gehe Gott mit seiner Kirche viel herber um denn mit irgend etwas anderen gottlosen Heiden. Aber auf solche Trübsal wird endlich die ewige himmlische Freude erfolgen].

Zorns: [Denn wir sollen es erkennen, dass wir Gott zum Zorn gereizt haben].

13. Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Beine gesandt und dasselbe lassen walten; er hat meinen Füßen ein Netz gestellt und mich zurück geprellt; er hat mich zur Wüste gemacht, dass ich täglich trauern muss.

Gesandt: Das ist: Ich erkenne, dass mir Gott einen solchen großen Jammer zugeschickt hat, der mir das Mark in den Beinen verzehrt.

Walten: Dass er ihm nicht gewehrt hat, sondern es frei lassen um sich fressen.

Geprellt: Dass ich hinterwärts über den Haufen und zu Boden gefallen bin, gleichwie man einem wilden Tiere mit einem Garn stellt und es damit überschlägt, dass es hinter sich purzelt.

Wüste gemacht: Weil mein Land unerbaut liegt. [Denn in Trübsal sollen wir allewege auf Gott sehen, von dem die Strafen über unsere Sünden gekommen, auf dass wir uns vor ihm wahrhaftig demütigen und nicht wider die Menschen zur Rachgierigkeit bewegt werden].

14. Meine schweren Sünden sind durch seine Strafe erwacht und mit Haufen mir auf den Hals kommen, dass mir alle meine Kraft vergeht. Der Herr hat mich also zugerichtet, dass ich nicht aufkommen kann.

Hals kommen: Das ist, Gott hat die Strafen meiner Sünden mir wie ein Joch zu tragen aufgelegt, dass ich mich derselben nicht entledigen kann. Ja es beschwert mich solches Joch so sehr, dass ich nicht davor gehen kann, sondern zu Boden fallen muss und habe nicht so viel Kraft, dass ich mich wieder aufrichten könnte. [Denn wenn Gott uns die Strafen der Sünden auflegt, dass wir sie eine lange Zeit tragen müssen, so ist keine menschliche Geschwindigkeit noch Kraft so groß, damit wir solche Last könnten von uns werfen. Wie denn an etlichen beschwerlichen Krankheiten, da keine Arznei helfen will und anderen großen Unfällen, die nicht mögen abgewandt werden zu sehen. Darum sollen wir Gott bitten, der uns das Joch aufgelegt hat, dass er es auch wieder von uns nehme und uns nicht unterm Kreuz versinken lasse].

15. Der Herr hat zertreten alle meine Starken, so ich hatte; er hat über mich ein Fest ausrufen lassen, meine junge Mannschaft zu verderben. Der Herr hat der Jungfrauen Tochter Juda eine Kelter treten lassen.

Starken: Dass sie den Feinden nicht widerstehen können. [Denn wenn Gott ein Regiment will zugrunde richten, so lässt er die vornehmsten Helden und tapfere Männer umkommen, vor denen sich die Feinde sich gefürchtet].

Ausrufen lassen: Indem er ein Haufen Feinde wider mich aufgebracht, dass sie in großer Anzahl zusammenkommen, gleichwie man einem Festtag, den man ausrufen lässt, zuläuft.

Treten lassen: Das ist, Gott hat das jüdische Regiment mit Füßen getreten und zerdrückt, als wie man Trauben tritt und keltert. [Denn es hat bisweilen das Ansehen, als ob Gott all sein väterliches Gemüt gegen die Kirche abgelegt hätte. Aber er tut solches darum, auf dass die Auserwählten, unter der Strafe gedemütigt und zerschlagen, wahrhaftig Buße tun und selig werden].

16. Darum weine ich so und meine beiden Augen fließen mit Wasser, dass der Tröster, der meine Seele sollte erquicken, ferne von mir ist. Meine Kinder sind dahin, denn der Feind hat die Oberhand gekriegt.

Fließen: Ich weine, dass ein Zeh den anderen schlägt.

Ferne: [Denn in großen Versuchungen meinen wir, es sei Gott allerdings von uns abgewichen, dass er unser Elend nicht ansehen wolle noch einigen Trost mehr zukommen lassen. Aber man soll in der Hoffnung geduldig warten, bis Gott mit seinem Trost sich wieder zu uns wende].

Feind: Der meine liebsten Kinder entweder erwürgt oder ins Elend weggetrieben hat, darum ist es kein Wunder (spricht die Kirche Gottes), dass ich mein Elend immer beweine. [Denn wir sollen uns der unsrigen Unfall lassen zu Herzen gehen].

17. Zion streckt ihre Hände aus und ist doch niemand, der sie tröste; denn der Herr hat rings um Jakob her seinen Feinden geboten, dass Jerusalem muss zwischen ihnen sein wie ein unreines Weib.

Zion: Das ist: Die Kirche begehrt mit aufgehobenen Händen Hilfe und Trost von den Leuten.

Niemand: Sie wird von jedermann verlassen.

Feinden: Die er wider die Israeliten aufgebracht hat, damit sie einen feindlichen Einfall taten in dessen Land.

Unreines Weib: Davor sich jedermann scheut: Also ist auch Jerusalem ein Scheusal geworden, allen Völkern, beide, in der Nähe und in der Ferne, welche sie angefeindet überwältigt und verwüstet haben. [Man kann aber keiner Hilfe oder Gutwilligkeit zu den Leuten sich getrösten, solange Gott selbst uns zuwider ist].

18. Der Herr ist gerecht; denn ich bin seinem Munde ungehorsam gewesen. Hört, alle Völker und schaut meinen Schmerz! Meine Jungfrauen und Jünglinge sind ins Gefängnis gegangen.

Herr: Der mich gezüchtigt hat. Denn es gibt die Kirche jetzt Gott dem Herrn die Ehre und bekennt ihre Sünden.

Ungehorsam: Ich habe seinem Wort nicht folgen wollen, darum bekenne ich, dass er richtig so unbarmherzig mit mir umgeht. [Denn wenn wir unsere Sünde bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns unsere Sünde verzeihe und reinige uns von aller Untugend {1Joh 1}].

Hört: Was mir für großes Unglück begegnet ist.

Schmerzen: Betrachtet meine Trübsal und die Strafen meiner Sünden. Darum, wenn ihr mein Beispiel anseht, so hütet euch, dass ihr Gott mit euren Sünden nicht erzürnt und auch in dergleichen Unglück geratet. [Denn welche wahrhaftige Buße tun, die mahnen andere mit dem Beispiel ihres Unfalls von Sünden ab].

19. Ich rief meine Freunde an, aber sie haben mich betrogen. Meine Priester und Ältesten in der Stadt sind verschmachtet, denn sie gehen nach Brot, damit sie ihre Seele laben.

Rief: Nämlich in meinen Nöten suchte ich Hilfe bei meinen Blutsverwandten.

Betrogen: Sie sind mir nicht zu Hilfe gekommen, da ich ihrer am meisten bedurfte. [Denn wer sich auf Menschen verlässt, der wird in seiner Hoffnung betrogen].

Laben: Ihr elendes Leben zu erhalten, aber weil sie nichts gefunden, haben sie Hungers sterben müssen. [Denn wenn der Zorn Gottes angeht, so schont er keines Standes noch Alters].

20. Ach, Herr, siehe doch, wie bange ist mir, dass mir‘s im Leibe davon wehe tut! Mein Herz wallte mir in meinem Leibe; denn ich bin hochbetrübt. Draußen hat mich das Schwert und im Hause hat mich der Tod zur Witwe gemacht

Wallte: Als ob sich es im Leibe umkehren wollte.

Betrübt: Es redet aber die Kirche hier in der Person einer hoch betrübten Weibsperson, die große Schmerzen empfindet. [Denn es wird die Kirche oftmals mit vielerlei Unglück zugleich überfallen und wird ihrer Kinder beraubt, wenn entweder die Tyrannen die Kirche gräulich verfolgen oder aber die Ketzer in der Kirche die Seelen mit gottloser Lehre erwürgen].

21. Man hört es wohl, dass ich seufze und habe doch keinen Tröster; alle meine Feinde hören mein Unglück und freuen sich; das machst du. So lass doch den Tag kommen, den du ausrufst, dass ihnen gehen soll wie mir.

Keinen Tröster: Es hören zwar ihrer viele mein jämmerliches Heulen und Wehklagen und tun doch nicht dergleichen, als ob sie etwas darum wüssten, sondern gehen vorüber und begehren mich weder zu trösten noch mir zu helfen. [Denn welche sich zu vor als Freunde vernehmen lassen, die setzen aus, wenn es übel geht und ziehen den Kopf aus der Schlinge, als wenn sie nie da gewesen wären. Die Feinde aber treiben ihren Mutwillen und spotten der Betrübten noch dazu].

Machst du: Du hast mich also verachtet und feindselig gemacht um meiner Sünde willen.

Wie mir: Schicke den Chaldäern und anderen gottlosen Heiden, meinen Feinden, das Unglück zu, welches du bereits durch deine Propheten Jesaja und andere ihnen hast verkündigen lassen, damit den Feinden eben das begegne, deshalb sie jetzt mein spotten und also deines Namens Ehre gerettet werde, weil sie nicht so sehr mein als deiner meines Gottes spotten.

22. Lass alle ihre Bosheit vor dich kommen und richte sie zu, wie du mich um aller meiner Missetat willen zugerichtet hast; denn meines Seufzens ist viel und mein Herz ist betrübt.

Kommen: Erinnere dich und führe dir wiederum zu Gemüt alles, was sie Böses gestiftet haben mit ihrer Abgötterei, Zauberei, Tyrannei, Grausamkeit, Geiz, Üppigkeit, Büberei, Unzucht, Hoffart, Lästerungen und dergleichen.

Missetat willen: Denn ich erkenne, dass ich richtig von dir gezüchtigt wurde. Aber weil sie mich in meinen Trübsalen noch mehr betrüben, so lass du solche ihre Bosheit nicht ungerächt.

Ist viel: Weil nun du mich deine Kirche so hoch betrübt hast, so ist es richtig, dass du die Gottlosen und grausamen Leute viel härter strafst als mich, dieweil sie dein Volk zu plagen nicht aufhören.


Das 2. Kapitel.


1. Das große Unglück wird ausführlicher beschrieben, weil das Heiligtum verwüstet, die Stadttore und Mauern verbrannt sind. v. 1. 2. Desgleichen die Priester, Fürsten, Ältesten, Kinder, Jungfrauen erschlagen wurden. v. 10. 3. Welches alles die falsche Lehre verursacht habe. v. 14.

1. Wie hat der Herr die Tochter Zion mit seinem Zorn überschüttet! Er hat die Herrlichkeit Israels vom Himmel auf die Erde geworfen. Er hat nicht gedacht an seinen Fußschemel am Tage seines Zorns.

Überschüttet] Er hat sie die Israeliten mit großem Unglück wie mit einer dicken Wolke gleichsam überzogen.

Herrlichkeit: Nämlich den Tempel, der die größte Zierde dieses Königreichs war, hat er plötzlich lassen zerstört werden. Dass dasselbe Haus, so auch bei den Heiden sehr berühmt war, jetzt in der Asche und großer Verachtung liegt, nicht anders, als wenn es vom Himmel zur Erde heruntergestürzt wäre.

Fußschemel: Das ist, an sein Heiligtum, dass er doch desselben verschont hätte, sondern er hat es lassen zerstören und verbrennen. Es wurde aber das Heiligtum Gottes Fußschemel genannt, weil der Himmel Gottes Stuhl ist, von wegen seiner hohen Majestät und die Erde seiner Füße Schemel {Jes 66}. Und aber Gott zu Jerusalem besonders wollte geehrt sein, so hatte es das Ansehen, als ob diejenigen, welche Gott auf dem Berge Zion anbeteten, gleichsam als vor den Füssen Gottes niederfielen. [Gleichwie aber Gott dennoch an den Tempel zu Jerusalem nicht der Gestalt gebunden war, dass er solchen von wegen der Verfälschung in der Religion nicht hätte verlassen können, wie denn geschehen: Also ist er viel weniger an die Stadt Rom gebunden, dass er derselben Bosheit und Abfall von der reinen Lehre gerechten müsste].

2. Der Herr hat alle Wohnungen Jakobs ohne Barmherzigkeit vertilgt; er hat die Festen der Tochter Juda abgebrochen in seinem Grimm und geschleift; er hat entweiht beide, ihr Königreich und ihre Fürsten.

Vertilgt: Dass er sie alle miteinander verwüsten lassen und keins verschont hat.

Festen: Nämlich alle festen Städte und Schlösser.

Tochter Juda: Das ist des jüdischen Regiments.

Entweiht: Indem er sie von sich geworfen und verstoßen als ein abscheuliches und unreines Ding: Und hat sie vor ihrem Verderben oder Gefängnis nicht errettet, sondern viel eher alles zerstören und verwüsten lassen. [Weil aber Gott der natürlichen Zweige, nämlich der Juden, nicht geschont hat, so wird er unser freilich auch nicht schonen, wenn wir es ihnen in ihrer Bosheit nachtun wollen {Röm 11}].

3. Er hat alles Horn Israels in seinem grimmigen Zorn zerbrochen; er hat seine rechte Hand hinter sich gezogen, da der Feind kam, und hat in Jakob ein Feuer angesteckt, das umher verzehrt;

Horn: Das ist, alle Macht und königliche Majestät seines Volkes hat er zunichtegemacht, dass es alles Ansehen eines Königreichs verloren.

Nach Luther: Das Königreich, welches sie ein Horn heißt.

Gezogen: Dass er seine Macht zur Beschützung seines Volkes nicht sehen lassen, da der Feind kommen, ja er hat selbst wider sein Volk gestritten.

Verzehrt: Er hat eine schreckliche Verwüstung kommen lassen, dadurch überall im Königreich Juda wie vom Feuer alles verdorben wurde. [Denn wo Gott seine gnädige Hand abzieht, da können keine Ratschläge, keine Güter oder Reichtum, keine Kräfte noch Festungen noch einziges Bündnis dem einfallenden Feind abwehren oder genügenden Widerstand tun].

4. er hat seinen Bogen gespannt wie ein Feind; seine rechte Hand hat er geführt wie ein Widerwärtiger und hat erwürgt alles, was lieblich anzusehen war und seinen Grimm wie ein Feuer ausgeschüttet in der Hütte der Tochter Zion.

Feind: Er hat sich wider seine Kirche feindlich erzeigt und selber sie verfolgt.

Feuer: Welches alles verzehrt, was es antrifft. Also hat Gott auch keines Menschen, weder Jung noch Alt und wes Standes oder Tuns sie auch gewesen, verschont, sondern ihrer eine große Anzahl durch die Chaldäer umbringen lassen. [Denn wir sollen in unserem Unglück auf Gott sehen, der es uns zuschickt, auf dass wir dadurch zur wahren Buße, Demut und Geduld gebracht werden].

5. Der Herr ist gleichwie ein Feind; er hat vertilgt Israel, er hat vertilgt alle ihre Paläste und hat seine Festen verderbt; er hat der Tochter Juda viel Klagens und Leides gemacht;

Vertilgt Israel: Er hat das jüdische Regiment über den Haufen und zu Boden gestoßen.

Gemacht: Dass er ihnen Jammer und Traurigkeit zugeschickt. [Denn Gott lässt sich bisweilen sehen als ein Feind, bis er sein Volk gezüchtigt hat, danach erklärt er sein väterliches Gemüt wiederum gegen sie. Unterdes aber stellt er sich, als hätte er sich von seiner Kirche allerdings hinweg gewandt].

6. er hat sein Gezelt zerwühlt wie einen Garten und seine Wohnung verderbt. Der Herr hat zu Zion beide, Feiertag und Sabbat, lassen vergessen und in seinem grimmigen Zorn beide, König und Priester, schänden lassen.

Zerwühlt: Wie ein grausames wildes Schwein einen schönen Garten umwühlt. Also hat Gott sein Heiligtum zerstört.

Vergessen: Da sonst das Volk an den Feiertagen pflegte zum Tempel sich zu verfügen, so ist jetzt niemand mehr vorhanden, der daran dachte, wäre auch ohne das vergebens, weil kein Tempel mehr da ist.

Schänden: Denn der König Zedekia ist mit Ketten gebunden, geblendet und gefangen gen Babel in einen Triumph geführt worden. Der Hohepriester aber ist mit anderen etlichen der vornehmsten Priester zu Riblath jämmerlich ums Leben gekommen, da sie der König zu Babel erwürgen lassen. [Denn Gott übersieh in seinem Zorn keinen stattlichen Ort noch irgendeine hohe Person].

7. Der Herr hat seinen Altar verworfen und sein Heiligtum verbannt; er hat die Mauern ihrer Paläste in des Feindes Hände gegeben, dass sie im Hause des Herrn geschrien haben wie an einem Feiertage.

Altar: Darauf man die Brandopfer und andere Opfer zu verrichten pflegte.

Verworfen: Dass er ihn weit von sich gestoßen, gleichwie man pflegt solche Dinge aus dem Angesicht hinweg zu tun, die man nicht mehr ansehen mag.

Heiligtum: Nämlich den Tempel, der allerdings zerstört und über den Haufen liegt.

Gegeben: Nämlich den Chaldäern, denen er zugelassen, dass sie den herrlichen Tempel samt anderen Nebengebäuden und schönen Häusern niedergerissen und verdorben haben.

Feiertage: Das ist gleichwie sonst man an den Feiertagen der Priester und Leviten Gesang weit und breit gehört, wenn sie in dem Tempel den Namen des Herrn gelobt haben. Also hörte man jetzt das Schreien und Frohlocken der Feinde, darin nämlich der Chaldäer, nachdem sie die Stadt einbekommen und alles, was köstlich gewesen, aus dem Tempel geraubt, dass übrige aber verdorben haben. Aber gleichwie jene Stimme der Priester vorzeiten von dem Volk mit großen Freuden gehört wurden. Also muss man jetzt der Feinde Geschrei anhören, mit Traurigkeit und Seufzen, weil das Volk Gottes sieht, wie aller Gottesdienst aufgehoben worden und die Feinde eine andere Vesper im Tempel gesungen. [Denn Gott lässt bisweilen die äußerlichen Übungen der Religion abtun, damit er sie später desto herrlicher wieder anrichte].

8. Der Herr hat gedacht zu verderben die Mauern der Tochter Zion; er hat die Richtschnur darüber gezogen und seine Hand nicht abgewendet, bis er sie vertilgt; die Zwinger stehen kläglich und die Mauer liegt jämmerlich {2Sam 21v13}.

Gezogen: Gleichwie die Zimmerleute mit einer gefärbten Messschnur abzeichnen, wie viel sie von einem Holz, daran sie zu arbeiten, mit ihren Zimmeräxten und Beilen abhauen wollen. [Es wurde aber auch durch die Messschnur angedeutet, dass Gott dem Unglück ein gewiss Ziel und Maß bestimmt hätte].

Vertilgt: Er hat von der Zerstörung der Stadt nicht abgelassen, bis er seinem Vorhaben ein Genüge getan und sein Mütlein an ihr gekühlt.

Kläglich: Es haben die Mauern und Vorwehren der Stadt ein elendes Ansehen, weil man nichts mehr sieht als die zerfallenen Mauern und Steinhaufen.

9. Ihre Tore liegen tief in der Erde; er hat ihre Riegel zerbrochen und zunichtegemacht. Ihre Könige und Fürsten sind unter den Heiden, da sie das Gesetz nicht üben können und ihre Propheten kein Gesicht vom Herrn haben {Ps 74v9}.

Tore: Nämlich die Stadt Jerusalem ist verfallen und von den zerfallenen Mauerstücken bedeckt worden. [Soll deswegen sich niemand auf Festungen verlassen, wie oft gesagt].

Heiden: Nämlich den Chaldäern, denen sie dienen müssen, dahin sie gefangen weggeführt wurden.

Nicht üben: Sie können ihren Gottesdienst dort nicht dienen, wie er ihnen im Gesetz vorgeschrieben ist. Denn man durfte außerhalb dem Tempel zu Jerusalem nicht opfern.

Gesicht: Sie mangeln der Propheten, die göttliche Offenbarungen hätten und ihnen den Willen Gottes anzeigen könnten: Denn nach dem Propheten Hesekiel, der vor der Zerstörung der Stadt Jerusalem zu Babel angefangen zu weissagen unter denen Juden, die mit Jojachin dem Könige Juda dahin gekommen waren, haben die Juden keine Propheten mehr bis zur Wiederheimkunft aus der Gefangenschaft. [Also geht es, dass welche im glücklichen Zustande die Religion und den Gottesdienst verachten, desselben später mangeln müssen, wenn sie es am liebsten wünschen und weder öffentliche Predigten des reinen göttlichen Wortes hören noch das hochwürdige Abendmahl recht empfangen können. Und das ist der Hunger des Wortes Gottes, den der Prophet Amos droht(Kapitel 8). Davor Gott Deutschland behüten wolle].

10. Die Ältesten der Tochter Zion liegen auf der Erde und sind stille; sie werfen Staub auf ihre Häupter und haben Säcke angezogen; die Jungfrauen von Jerusalem hängen ihre Häupter zur Erde.

Ältesten] Die vorzeiten zu Jerusalem in großen Ansehen waren und den Leuten mit Rat und Tat zu helfen wussten, können jetzt sich selber weder raten noch helfen und sind so verwirrt, dass sie nicht wissen was sie sagen oder anfangen sollen.

Stille: nach Luther]. Es ist aus mit ihnen, sie sind dahin.

Angezogen: Wie damals der Brauch war in großem Leid, weil sie in solchem traurigen Amtskleidern der Kirche und des Regiments Untergang beweinen und beklagen.

Hängen: Da sie zuvor mit aufgerichtetem Halse einhergingen. [Denn weil es wohl geht, so prangt das weibliche Geschlecht ganz sehr und ist oft stolz und hoffärtig {Jes 3}. Welchen Übermut Gott zu seiner Zeit mit einer traurigen Demut straft].

11. Ich habe schier meine Augen ausgeweint, dass mir mein Leib davon wehe tut; meine Leber ist auf die Erde ausgeschüttet über dem Jammer der Tochter meines Volks, da die Säuglinge und Unmündigen auf den Gassen in der Stadt verschmachteten,

Wehe tut: Und großen Schmerzen bei mir empfinde.

Ausgeschüttet: Es bedünkt mich, als ob ich zugleich mit meinem Heulen und Vergießung vieler Tränen auch das Eingeweide aus dem Leibe verschütte vor großem Herzeleid.

Der Tochter: Das ist über der meinigen Untergang und Verderben.

Verschmachten: Das ist, da ich sah, dass die kleinen Knaben und Kinder in der Stadt jämmerlich hin und wieder Hungers starben, konnte ich mich des Weinens nicht enthalten und müsste meine heißen Tränen darüber vergießen. [Denn die Liebe lässt sich anderer Leute Unglück so wohl zu Herzen gehen als ihre eigenen].

12. da sie zu ihren Müttern sprachen: Wo ist Brot und Wein? Da sie auf den Gassen in der Stadt verschmachteten wie die tödlich Verwundeten und in den Armen ihrer Mütter den Geist aufgaben.

Sie: Nämlich die kleinen Kinder, welches ein erbärmlicher Handel gewesen.

Brot: Damit wir uns ein wenig erlaben mögen.

Verschmachten: Dass sie vor Hunger matt und kraftlos geworden waren.

Verwundeten: Als ob sie von der Feinde Schwert wären erwürgt worden.

Mütter: Welche ihren liebsten Kindern nicht mehr helfen konnten. [Was das für ein Jammer sei, kann man mit Menschenzungen nicht genügend aussprechen. Wer nun demselben begehrt zu entgehen, der fürchte Gott. Ist er aber gefallen, so kehre er bei Zeit wieder um und tue ernstliche Buße].

13. Ach, du Tochter Jerusalem, wem soll ich dich gleichen und wofür soll ich dich rechnen, du Jungfrau Tochter Zion? Wem soll ich dich vergleichen, damit ich dich trösten möchte? Denn dein Schaden ist groß, wie ein Meer; wer kann dich heilen?

Gleichen: Denn du hast so große Trübsal erlitten und ausgestanden als irgendeine andere Stadt in der ganzen Welt. Sonst gibt es etlichermaßen ein wenig Trost, wenn man sieht, dass es anderen auch so ergangen ist. Aber ich sehe nicht, dass deine Zerstörung einziger Stadt Untergang sich gleichen möchte.

Trösten: Weil dein Schmerz größer ist, als dass er mit einem Trost könnte gelindert werden.

Heilen: Ich weiß nicht wie dir zu helfen wäre, wenn man gleich alle Ratschläge auf einen Haufen zusammentrüge. [Denn Gott plagt die Kirche bisweilen heftiger als andere Heiden von wegen seiner besondere Ursache, davon man anderswo hört. Aber dies ist unser Trost, dass Paulus spricht: Ich halt es dafür, dass dieser Zeit leiden nicht wert ist der Herrlichkeit, die an uns soll offenbart werden {Röm 8}].

14. Deine Propheten haben dir lose und törichte Gesichte gepredigt und dir deine Missetat nicht geoffenbart, damit sie dein Gefängnis gewehrt hätten, sondern haben dir gepredigt lose Predigt, damit sie dich zum Land hinauspredigten {Jer 2v8 5v31 14v14 23v16 27v14 29v8 v9 Hes 13v2}.

Lose: Denn sie haben die Verfälschung in der Religion und die Abgötterei recht geheißen und haben die Laster und Sünden mit keinem gebührenden Ernst und Eifer gestraft, wie sie Amtes halben hätten tun sollen.

Gewehrt: Denn du wärst in diesen Jammer nicht geraten, wenn sie ihr Amt recht verrichtet hätten.

Predigten: Denn sie sind Ursache daran, dass du ins Elend bist verstoßen worden, weil sie dir deine Sünden nicht geoffenbart, damit du sie erkannt hättest Buße getan und dem Unglück, so später über dich gekommen, also entronnen wärst. [Sollen deswegen die Prediger sich hüten, dass sie nicht einem dummen Salz sind, damit man nicht salzen könne, wie Christus spricht {Mt 5}. Denn sie werden einmal Gott müssen Rechenschaft geben für ihrer Zuhörer Seelen {Hebr 13 Hes 3}. So sollen auch die Zuhörer sich nicht nur solche Kirchendiener aussuchen, die ihre Sünden viel mehr sanft streicheln als schelten, auf dass sie nicht darüber in Gefahr Leibes und der Seelen geraten. Die Kirchendiener aber sollen ihre Strafpredigten also mäßigen, dass sie zur Erbauung dienlich sind und gereichen mögen].

15. Alle, die vorübergehen, klappen mit Händen, pfeifen dich an und schütteln den Kopf über der Tochter Jerusalem: Ist das die Stadt, von der man sagte, sie sei die allerschönste, der sich das ganze Land freute {Ps 48v3}?

Klappen: Vor Freuden über deinen Schaden. [Denn wenn die Kirche in Trübsal steckt, so hat die Welt kein Mitleiden mit ihr, sondern freut sich vielmehr ihres Unglücks].

Dich an: Dass sie deiner höhnisch spotten.

Schönste: Von wegen des herrlichen und schönen Tempels und dass die Stadt an ihr selbst auch wohl erbaut und fest war.

16. Alle deine Feinde sperren ihr Maul auf wider dich, pfeifen dich an, blecken die Zähne und sprechen: Heh! Wir haben sie vertilgt; das ist der Tag; des wir haben begehrt; wir haben es erlangt, wir haben es erlebt!

Feinde: Die in der Nachbarschaft um dich her wohnen.

Zähne: Aus lauter giftigem Herzen, wie ein grausames wildes Tier.

Begehrt: Die Zeit ist endlich gekommen, danach wir ein großes Verlangen hatten, dass diese Stadt ist zerstört worden, die vor den anderen allen immer etwas Besonderes sein wollte.

Erlangt: Danach wir lange getrachtet haben, nämlich den Untergang dieser Stadt.

Erlebt: Dass wir die Zerstörung dieser Stadt mit großer Lust und Freude gesehen, vor derer Gewalt wir uns immer fürchten mussten, darum solches uns nicht mehr zu erleiden gewesen. [Aber solche giftige Bosheit wider die Kirche lässt Gott zu seiner Zeit nicht ungerächt, sondern straft sie durch deren Untergang und endliches Verderben, die der Kirche Elend mit Lust schauen].

17. Der Herr hat getan, was er vorhatte; er hat sein Wort erfüllt, das er längst zuvor geboten hat; er hat ohne Barmherzigkeit zerstört; er hat den Feind über dir erfreut und deiner Widersacher Horn erhöht {3Mos 26v17 5Mos 28v20},

Vorhatte: Was er über das Königreich Juda und über die Stadt Jerusalem samt dem Tempel längst beschlossen um des Volkes Sünde willen.

Geboten hat: Oder gesagt und gedroht. Denn er dieser Stadt und Königreich vor vielen Jahren ihren Untergang durch die Propheten drohen lassen.

Horn: Das ist ihre Macht, damit sie dich überwunden und unter ihre Gewalt gebracht haben. [Sollen wir deswegen die Drohungen Gottes nicht verachten, denn sie werden gewisslich erfüllt].

18. Ihr Herz schrie zum Herrn. Oh du Mauer der Tochter Zion, lass Tag und Nacht Tränen herabfließen wie ein Bach; höre auch nicht auf und dein Augapfel lasse nicht ab {Jer 14v17}.

Herrn: Dass er solchen großen Jammer ansehen und lindern wollte. [Es erhört aber Gott der Bußfertigen Seufzen und Flehen].

Nicht ab: Tränen zu vergießen, sondern beweine deinen traurigen und jämmerlichen Zustand inniglich. [Denn Gott verachtet seiner Kirche Wehklagen nicht].

19. Stehe des Nachts auf und schreie; schütte dein Herz aus in der ersten Wache gegen dem Herrn wie Wasser; hebe deine Hände gegen ihn auf um der Seelen willen deiner jungen Kinder, die vor Hunger verschmachten vorne an allen Gassen.

Ersten Wache: Wenn nämlich andere Leute in ihrem ersten und besten Schlaf sind, so wache du, meine Kirche und beweine dein Elend.

Gegen ihn: [Denn wenn wir unser Elend vor Gott bringen, so wird unser Herzeleid dadurch gemildert].

Gassen: In der Feinde Land. [Denn in Zerstörungen der Städte sterben viele junge Kinder elendiglich, weil ihre Eltern entweder erschlagen oder verjagt sind, darum sollen wir Gott bitten, dass wir solchen Jammer nicht sehen dürfen].

20. Herr, schaue und siehe doch, wen du doch so verderbt hast! Sollen denn die Weiber ihres Leibes Frucht essen, die jüngsten Kindlein, eine Spanne lang? Sollen denn Propheten und Priester in dem Heiligtum des Herrn so erwürgt werden?

Siehe doch: Was für ein großes Unglück über uns ergangen.

Verderbt: Nämlich dein eigenes Volk, welches je ein jämmerlicher Handel ist.

Spanne lang: Die erst neulich aus dem Mutterleib auf die Welt gekommen sind. Welches ja ein schreckliches Ding ist, dass es dazu kommen müsse, dass die Weiber zu Jerusalem aus großer Hungersnot ihre eigene Kinder gefressen.

Erwürgt: Dass man weder der Personen noch des Orts geschont. [Denn es wallt und steigt bisweilen unser Herz in Trübsal über sich, dass wir meinen, es gehe Gott ganz zu unbarmherzig mit uns um. Aber solche Gedanken werden denen, die an den Messias Jesum Christus glauben nicht zugerechnet, sondern verziehen].

21. Es lagen in den Gassen auf der Erde Knaben und Alte; meine Jungfrauen und Jünglinge sind durchs Schwert gefallen. Du hast gewürgt am Tage deines Zorns, du hast ohne Barmherzigkeit geschlachtet.

Lagen: Nämlich unbegraben, welches auch ein elender Anblick gewesen.

Gewürgt: Nämlich mit der Chaldäer Schwert die Israeliten, dein Volk, und hast keines Alters noch Geschlechts geschont. [Dieser ernste Zorn Gottes soll uns aufmuntern, dass wir denselben durch eine wahre und ernstliche Buße bei Zeit von uns abwenden].

22. Du hast meinen Feinden umher gerufen wie auf einen Feiertag, dass niemand am Tage des Zorns des Herrn entronnen und übergeblieben ist. Die ich ernährt und erzogen habe, die hat der Feind umgebracht.

Feiertag: Gleichwie man das Volk pflegt zusammen zu fordern, wenn es einen Feiertag halten soll. Also hat Gott die Feinde aus allen Enden und Orten über mich kommen lassen, dass sie mich verderbt haben. [Denn wenn Gott selbst uns zuwider ist, so laufen die Feinde überall herzu als zu einem Wohlleben, auf dass sie das Volk Gottes unterdrücken].

Ich: Nämlich die Kirche Gottes.


Das 3. Kapitel.


1. Jetzt erzählt der Prophet zum Teil, was ihm insbesondere für Unglück zugestanden, zum Teil, was er mit dem anderen Volk allgemeines hatte. v. 1. 2. Danach rühmt er Gottes Barmherzigkeit, dass er sein Volk, welches er züchtigt, nicht ganz verwerfe. v. 20. 3. Und stellt endlich die Rache Gott heim. v. 48.

1. Ich bin ein elender Mann, der die Rute seines Grimmes sehen muss.

Rute: Die große Trübsal und die Strafe des zornigen Gottes. Es beklagt sich aber der Prophet über sein besonderes und der Kirche gemeines Unglück. Danach mengt er herrlichen Trost mit unter von des Kreuzes Nutzbarkeiten, wenn man es mit Geduld aufnimmt.

Sehen muss: Mit großem Schmerzen und Herzeleid und kann der Sachen nicht helfen. [Denn es wollten die frommen Kirchendiener lieber sterben als der Kirche großes Unglück sehen].

2. Er hat mich geführt und lassen gehen in die Finsternis und nicht ins Licht.

Finsternis: Das ist in große Angst und Traurigkeit, da ich keine Freude haben kann. [Was uns aber Gott zuschickt, das sollen wir von der Hand des Herrn annehmen und geduldig tragen].

3. Er hat seine Hand gewendet wider mich und handelt gar anders mit mir für und für.

Wider mich: Mich zu strafen und zu plagen und lässt mir keine Ruhe. [Denn es bilden sich auch oft die ganz gottseligen und frommen Leute unter dem Kreuz solche Gedanken ein, als ob Gott ihr Widersacher wäre, der sich gerüstet und gleichsam gewappnet hätte, sie zu plagen].

4. Er hat mein Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.

Gemacht: Dass ich ganz mager und runzlig geworden bin, wie die alten Leute zu sein pflegen.

Zerschlagen: Dass ich keine Kraft mehr habe. [Denn Traurigkeit und Herzeleid schwächen die Kräfte und dörren den Leib aus].

5. Er hat mich verbaut und mich mit Galle und Mühe umgeben.

Verbaut: Dass er einen Wall oder Bollwerk des Jammers um mich her gemacht, damit ich nirgends ausreißen oder entkommen könne.

Galle: Mit bitterem Schmerzen und großem Herzeleid.

Mühe: Mit großen und vielen Beschwernissen, daraus ich mich nicht wickeln kann. Denn wo ich hinsehe, da finde ich keinen Ausgang. [Und gewinnt es bei den Frommen oft das Ansehen, sie sind mit Jammer und Gefahr so umringt, dass sie nicht wissen wo, sie hinaus sollen. Aber Gott sieht ihre Rettung].

6. Er hat mich in Finsternis gelegt, wie die Toten in der Welt.

Welt: Das ist, Gott hat mich mit Traurigkeit und Unfall so ganz überschüttet, dass sich es lässt ansehen, als ob es allerdings auf dieser Erde um mich geschehen und aus mit mir sei, gleichwie mit den Toten, die vor dem Jüngsten Tage nicht wieder lebendig werden. [Wenn wir aber allerdings keine Hilfe bei uns sehen, so ist Gottes Hilfe am allernächsten].

7. Er hat mich vermauert, dass ich nicht heraus kann und mich in harte Fesseln gelegt.

Vermauert: Dass ich mit Angst und Not wie in einem Kerker umringt und verschlossen bin, daraus ich nicht kommen kann.

Fessel: Die ganz groß und schwer sind, dass ich sie nicht aufmachen noch daraus entkommen kann.

8. Und wenn ich gleich schreie und rufe, so stopft er die Ohren zu vor meinem Gebet.

Schreie: Mit einem inbrünstigen und herzlichen Gebet, dass er mich aus solchem großen Unfall erretten wolle.

Ohren zu: [Denn es erscheint uns bisweilen, als ob Gott taub wäre zu unserem Gebet, weil die Erlösung nicht bald erfolgt, aber Gott hört als denn ganz scharf].

9. Er hat meinen Weg vermauert mit Werkstücken und meinen Steig umgekehrt.

Umgekehrt: Er hat mir überall den Pass verlegt, dass ich auf keinem Wege entrinnen kann. [Denn wir bilden uns die Gefahr oft größer ein, als sie an ihr selber ist].

10. Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen {Hi 10v16}.

Verborgenen: Dass er mich unversehens überfalle und zerreiße. [Denn es meinen die Frommen bisweilen, Gott trage ein feindliches und grausames Gemüt gegen sie].

11. Er lässt mich des Weges fehlen. Er hat mich zerstückelt und zunichtegemacht.

Fehlen: Dass ich in die Irre gehe wie ein Wandersmann, der in einem dicken Wald den rechten Weg verloren hat und nicht weiß, ob er hinter sich oder vor sich soll.

Zerstückelt: Dass nichts Ganzes oder Gesundes mehr an meinem Leibe ist, als wenn ein ungeheures wildes Tier einem Menschen viele Löcher beißt oder ihn auch ganz zerreißt. [Denn die Frommen reden von den schweren Versuchungen, wie sie dieselben empfinden].

12. Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gesteckt.

Ziel: Danach man zu schießen pflegt. Als wollte er sprechen, Gott hat gleichsam sein Vergnügen mit meinem großen Unglück, dass er zu seiner Ergötzlichkeit seine Pfeile der allerschwersten Anfechtungen und Trübsal auf mich losdrücke. [Aber Gott, der zum Heil verwundet, heilt auch wiederum].

13. Er hat aus dem Köcher in meine Nieren schießen lassen.

Nieren: Dass ich aller Lust und Freude beraubt bin und nichts als schmerzliche Wehtage empfinde.

14. Ich bin ein Spott allem meinem Volk und täglich ihr Liedlein {Hi 30v9}.

Ihr Liedlein: Denn auch meine Geschlechtsverwandten, die Juden, von mir spöttisch reden und singen. In Maßen oben aus seinen Weissagungen zu sehen, was er (der Prophet Jeremia) vor und nach der Stadt Zerstörung von seinem eigenen Volk erlitten. [Und tut es einem frommen Menschen viel mehr wehe, wenn er von den Seinen als von Fremden Schmach leiden muss].

15. Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt.

Getränkt: Er hat mich mit Unglück überfallen, dass mich ganz herb angekommen ist und sehr ungeduldig gemacht hat. [Welches darum geschieht, auf dass wir die göttlichen Guttaten desto lieblicher empfinden. Denn wer das Bittere nicht versucht hat, der weiß nicht, was süß ist].

16. Er hat meine Zähne zu kleinen Stücken zerschlagen. Er wälzt mich in der Asche.

Asche: Und hat mich so übel zugerichtet, als wenn jemand einem armen Menschen nicht allein die Zähne einschlüge, sondern auch dieselben zu Stücken schlüge, ihn selbst zu Boden würfe und mit Füßen trete.

17. Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich muss des Guten vergessen.

Vertrieben: Dass ich nirgends keine Ruhe haben kann.

Vergessen: Ich gedenke an keine guten Tage und weiß nicht mehr, was Glück und Wohlfahrt sei. [Denn das gegenwärtige Unglück macht, dass wir alles vorige des guten Lebens vergessen].

18. Ich sprach: Mein Vermögen ist dahin und meine Hoffnung am Herrn.

Dahin: Ich sehe, dass ich auf die göttliche Hilfe vergebens lange warte, darauf ich noch bis daher immer gehofft. [Solche Reden werden bisweilen auch von ganz frommen Leuten in schweren Anfechtungen gehört, dass es scheint, als wollten sie an Gott verzagen. Aber Gott führt nicht allein in die Hölle, sondern auch wieder heraus {1Sam 2}. Und lässt uns Gott solche Anstöße empfinden, auf dass wir uns rechtschaffen vor ihm demütigen, die Schwachheit unseres Fleisches erkennen und ihn bitten, dass er uns nicht in Versuchung führen wolle].

19. Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Galle getränkt bin.

Gedenke: Lass dir doch oh Gott, meinen Jammer und Trübsal zu Herzen gehen. Denn es raffen sich die Frommen endlich wieder auf und wenden sich in ihrem schweren Angststreit zum Gebet.

Getränkt bin: Das ist, ich bin mit höchster Traurigkeit und Herzeleid erfüllt und ganz ein armseliger Mensch.

20. Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir es.

Sagt mir es: Es leuchtet mir wieder ein wenig Hoffnung ein, dass du meines Jammers wirst mit Gnaden bedenkt sein, denselben mildern und endlich ganz hinwegnehmen.

21. Das nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch.

Ich noch: Dass er mich erretten werde. [Denn der Glaube und die Hoffnung eines frommen Menschen werden bisweilen müde und verbergen sich eine Zeit lang, wie ein Feuer unter der Asche, aber sie kommen wieder hervor. Denn Gott ist treu, der uns nicht lässt versucht werden über unser Vermögen {1Kor 10}].

22. Die Güte des Herrn ist, dass wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,

Die: Jetzt schreitet der Prophet wieder von seinen Trübsalen und Anfechtungen zum allgemeinen Jammer des ganzen Volkes und rühmt Gottes Güte, dass er sein Volk nicht allerdings verwerfe, ob er es wohl ernstlich züchtige.

Ist: Nämlich Ursache ist daran und nicht unser Verdienst. Denn wenn Gott das israelitische Volk, nachdem es ihre Sünden verdient, hätte strafen wollen, so wären wir ganz vertilgt, aber er geht gnädig mit uns um.

Kein Ende: Er hört nicht auf, der Elenden sich zu erbarmen, ob sie ihn gleich mit ihren Sünden beleidigt haben, sofern sie nur Buße tun. [Und hat man hier zu merken, dass Gott nicht nach der Größe unserer Sünden mit uns handle {Ps 103}].

23. sondern sie ist alle Morgen neu und deine Treue ist groß.

Neu: [Weil demnach Gottes Barmherzigkeit täglich erneuert wird, so sollen wir nie daran verzagen].

24. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen {Ps 16v5 73v26}.

Teil: Oder mein Schatz und höchstes Gut.

Hoffen: Als auf einen gütigen und getreuen himmlischen Vater. [Denn wer auf Gottes Güte und Barmherzigkeit traut, der wird nie zuschanden].

25. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrte und der Seele, die nach ihm fragt.

Freundlich: Gütig und wohltätig und ein Helfer aller, die ihn wahrhaftig und mit Ernst anrufen, denn er betrügt sie nicht in ihrer Hoffnung, sondern leistet mehr als sie hätten hoffen dürfen {Eph 3}].

26. Es ist ein köstliches Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.

Hoffen: Und also in der Stille und mit Geduld der göttlichen Hilfe erwarten. [Denn welche unter dem Kreuz sich stellen, als wollten sie unsinnig werden, oder laufen herum und suchen ungebührliche Mittel, die machen es dadurch ihr Unglück nicht leichter, sondern vielmehr größer. Welche aber der Hilfe Gottes geduldig warten, denen wird geholfen].

27. Es ist ein köstliches Ding einem Manne, dass er das Joch in seiner Jugend trage {Mt 11v29},

Joch: Nämlich das Kreuz, so ihm von Gott auferlegt wird. [Denn unter dem Kreuz erkennen wir unsere Sünden und Schwachheiten, der alte Adam wird getötet und lernen wir aus der Erfahrung, wie gütig und treu Gott ist allen, die ihn aus Glauben anrufen. Welche auch von Jugend auf unter dem Kreuz sich üben, die tragen es leichter und wissen anderen beständigen Trost mitzuteilen].

28. dass ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt,

Verlassener: Der von den Menschen keine Hilfe haben kann, derselbe soll sein Kreuz mit Geduld aufnehmen und seine Sache Gott befehlen.

Überfällt] Dass er mit Unglück geplagt wird.

29. und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung erwarte

Stecke: Das ist, er soll in der Demut still schweigen.

Erwarte: Ob vielleicht Gott sein Unglück mildern oder von ihm nehmen wollte.

30. und lasse sich auf die Backen schlagen und ihm viel Schmach anlegen.

Anlegen: Dass er viel Unbilligkeit mit Geduld ausstehe. [Es wird aber hiermit nicht verboten, dass ein Betrübter sein Anliegen frommen Leuten nicht klagen oder ordentliche Mittel suchen durfte, sondern er verwirft derjenigen Unweise, die alles mit Schreien und Wehklagen erfüllen, auch mit schrecklichem Fluchen aus giftigem Herzen Rache begehren, wenn ihnen Unrecht geschehen ist].

31. Denn der Herr verstößt nicht ewig,

Nicht ewig: Ob er sich gleich eine Zeit lang stellt, als hätte er sein väterlich Herz ganz und gar von uns abgewandt. Darum handeln die wohl und weislich, welche unter dem Kreuz der göttlichen Hilfe mit Geduld warten.

32. sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte;

33. denn er nicht von Herzen die Menschen plagt und betrügt,

Von Herzen: Er zürnt mit den seinen nicht so sehr, dass er sie begehrte zu verderben. Und wenn er uns am zornigsten bedenkt und die seinen schrecklich plagt und demütigt, so ist es ihm doch kein rechter Ernst, sondern es ist unter solchen feindlichen Gebärden ein väterliches Herz verborgen, dass er den Tod des Sünders nicht will, sondern das er sich bekehre und lebe. Gleichwie ein Vater sich stellt, als ob er seinen ungehorsamen Sohn wollte aus dem Hause stoßen und enterben, begehrt ihn doch mit solchem angemaßten Ernst nicht zu verderben, sondern zu bessern. [Wenn uns deswegen denkt, dass wir in großen Ängsten Gott durchaus zum Widersacher haben, so sollen wir nicht verzagen, sondern mit bußfertigem Herzen zu seiner unendlichen Barmherzigkeit Zuflucht haben].

34. als wollte er alle die Gefangenen auf Erden gar unter seine Füße zertreten

Zertreten: Wie sich es ansehen lässt, wenn Gott den seinen Trübsal zuschickt, aber er tut es nicht darum, dass er sie begehrte zu verderben, ob sie wohl in ein großes Unglück auf dieser Welt gestürzt werden, dass sie ins Gefängnis oder andere Unfälle geraten.

35. und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugen lassen

Beugen: Es wird eines Gerechten Sache darum vor Gott nicht verloren sein, ob er gleich eine Zeit lang von den Leuten unrechterweise zerdrückt wird.

36. und eines Menschen Sache verkehren lassen, gleich als sähe es der Herr nicht.

Nicht: Welcher eine rechte oder böse Sache habe. [Darum, wenn es Gott geschehen lässt, dass die Frommen geplagt und von den Gottlosen unterdrückt werden, so sollen sie nicht meinen, Gott sehe es nicht, viel weniger aber sich die Gedanken machen, dass sie Gott nie rächen werde noch den Unterdrückten Recht verschaffen, sondern sie sollen mit Geduld warten, bis es Gott gefällt, dass er der Unterdrückten Sache selbst handhabe, da die Frommen frohlocken und die Gottlosen zugrunde gehen werden].

37. Wer darf denn sagen, dass solches geschehe ohne des Herrn Befehl {Am 3v6},

Befehl: Denn weil die göttliche Vorsehung alles recht und wie es sein soll anordnet, so soll niemand so verwegen sein, dass er sagen wollte, es stünde den Leuten ungefähr ein Unglück zu ohne Gottes Anordnung oder Befehl. [Denn obwohl Gott das Böse nicht will, so will er dennoch, dass die Auserwählten unter dem Kreuz geübt und bewährt werden. Darum sollen wir wissen, was uns für Unfall zu Händen gehe, dass es geschehe nach dem Willen Gottes. Daher sollen wir es geduldig und gottselig erdulden].

38. und dass weder Böses noch Gutes komme aus dem Munde des Allerhöchsten.

Weder Böses] Wer ist so gottlos und verwegen, dass er durfte sagen, Gott verordne nichts oder schicke den Leuten weder Böses noch Gutes zu, sondern es geschehe alles ungefähr. [Solche rohlosen Reden und Gedanken sollen wir scheuen und wissen, es sei alles von Gott, Glück und Unglück. Darum wie wir in Unglück sollen geduldig sein, also sollen wir in gutem Glück Gott dankbar sein].

39. Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde!

Sünde: [Denn weil alles Unglück den Leuten von Gott zugeschickt wird, er aber der Allergerechteste ist, der niemand Unrecht tut, so sollen die Leute in diesem Leben richtig wider Gott nicht murren, der sie mit Kreuz und Unfall belegt, sondern vielmehr wider ihre Sünden, damit sie die Strafen über sich gezogen haben].

40. Und lasst uns forschen und suchen unser Wesen und uns zum Herrn bekehren.

Wesen: Denn wenn wir unseren Wandel wohl und fleißig betrachten, so werden wir leicht spüren, dass die rechte Ursache des Unglücks nicht an Gott, sondern an uns sei und wird sich es finden, dass wir nicht immer Seide gesponnen haben.

Bekehren: Dass wir wahrhaftig Buße tun. [Denn das Unglück wird nicht durch Ungeduld, sondern durch eine ernstliche Buße gemildert].

41. Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel.

Aufheben: Mit einem inbrünstigen Gebet und inniglichem Seufzen und bitten um Verzeihung unserer Sünde.

42. Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen. Darum hast du billig nicht verschont {Ps 106v6},

Nicht verschont: Und uns keine Gnade erzeigt. [Denn solange man nicht Buße tut, solange kann uns Gott nicht gewogen sein. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns unsere Sünden vergibt, und reinigt uns von aller Untugend {1Joh 1}].

43. sondern du hast uns mit Zorn überschüttet und verfolgt und ohne Barmherzigkeit erwürgt.

Überschüttet] Dass uns das Unglück schier allerdings bedeckt hat, weil du deinen gerechten Zorn an uns hast sehen lassen.

Erwürgt: Durch Hunger, Pestilenz und Schwert und hast keines Geschlechts Alters noch Standes geschont.

44. Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, dass kein Gebet hindurch konnte.

Konnte: Das ist, du hast unser Gebet nicht erhören wollen. [Denn die Unbußfertigen werden nicht erhört. Wie auch die Frommen, wenn sie für die Unbußfertigen bitten, keine Erhörung erlangen].

45. Du hast uns zu Kot und Unflat gemacht unter den Völkern.

Völkern: Unter denen wir so ganz in Verachtung geraten, dass sie als für einen Wust und Unflat sich vor uns scheuen. [Denn welche Gott nicht ehren, die werden der Leute Spott und Verachtung, weil wie wir Gott ehren, also ehrt er uns wieder {1Sam 2v30}].

46. Alle unsere Feinde sperren ihr Maul auf wider uns.)

Sperren: Dass sie uns verlachen und verspotten mit allerhand hässlichen Gebärden.

47. Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.

Und Angst: Das ist, es wird uns oftmals durch die mannigfache und vielerlei Trübsal so uns betreten und durch der Tyrannen Grausamkeit eine große Furcht eingejagt und indem wir einem Unglück entrinnen wollen, geraten wir allererst recht hinein.

48. Meine Augen rinnen mit Wasserbächen über dem Jammer der Tochter meines Volks.

Rinnen: Das ist, ich beweine des israelitischen Volkes Jammer und Elend herzlich und innig. [Denn das müsste ja ein steinharter Mensch sein, der sich das große Unglück der Kirche Gottes nicht ließ zu Herzen gehen und darüber seine heißen Tränen vergösse].

49. Meine Augen fließen und können nicht ablassen; denn es ist kein Aufhören da,

Nicht ablassen: Ich kann nicht aufhören mit Weinen.

Kein Aufhören: Weil immer ein Unglück aufs andere folgt. [Denn es überfallen die Trübsale das Volk Gottes oftmals mit Haufen und kommt ein Unglück selten allein].

50. bis der Herr vom Himmel herabschaue und sehe darein.

Herabschaue: Dass er unser Elend einmal mit Gnaden ansehen, sich unser erbarme und die Trübsal lindere. [Denn man soll der göttlichen Hilfe in Hoffnung erwarten].

51. Mein Auge frisst mir das Leben weg um die Tochter meiner Stadt.

Frisst: Das stetige Weinen, damit ich meines Volkes Jammer und Unglück beweine, verkürzt mir das Leben. [Denn die übermäßige Traurigkeit dörrt die Gebeine aus und macht das Leben kürzer].

52. Meine Feinde haben mich gehetzt, wie einen Vogel, ohne Ursache.

Ohne Ursache: Da sie weder recht noch recht hatten mich also zu plagen. [Denn welche Gott durch Menschen züchtigen will, die lässt er in ihr Garn fallen, dass sie aus Unvorsichtigkeit in großes Unglück sich verwickeln. Und obwohl die Kirche vor Gott, wenn man ihren Wandel betrachtet, nicht unschuldig ist, so leidet sie doch gegen die Feinde zu rechnen unschuldig, darum rächt Gott endlich ihre Unbilligkeit].

53. Sie haben mein Leben in einer Grube umgebracht und Steine auf mich geworfen.

Geworfen: Gleichwie die zu tun pflegen, welche heimlich einen Mord begehen. [Und will der Prophet mit diesen Worten der Feinde der Kirche Gottes Grausamkeit und Bosheit beschreiben, so die Kirche Gottes ganz und gar zu vertilgen begehren].

54. Sie haben auch mein Haupt mit Wasser überschüttet. Da sprach ich: Nun bin ich gar dahin.

Überschüttet] Dass ich nicht haben könne, wiederum hervorzukommen. [Und lehrt der Prophet mit diesen verblümten Worten, mit was großem Unglück die Kirche überfallen wird, dass es sich eine Zeit lang ansehen lässt, als sei es ganz und gar mit ihr aus. Aber Gott erhält sie unterdes wunderlich].

55. Ich rief aber deinen Namen an, Herr, unten aus der Grube {Ps 130v1};

Grube: Das ist, da ich in meinen größten Ängsten war und darin steckte als in einem tiefen Brunnen, schrie ich, Oh Gott, zu dir.

56. und du erhörtest meine Stimme. Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!

Erhörtest: Und hast mich erhalten, dass ich nicht ganz zugrunde gegangen bin.

57. Nahe dich zu mir, wenn ich dich anrufe und sprich: Fürchte dich nicht!

Sprich: Durch deinen Heiligen Geist in meinem Herzen.

Dich nicht: Sei getrost und unverzagt, denn ich will dich nicht verlassen. [Sollen wir deswegen in unseren größten Nöten zum Gebet fliehen, so werden wir Trost und Erhaltung erlangen. Wir sollen aber das Gebet oft wiederholen und bitten, dass Gott unser Seufzen und Flehen weiter auch erhören wolle, bis wir allerdings errettet werden].

58. Führe du, Herr, die Sache meiner Seele und erlöse mein Leben!

Führe: Sei du meiner Sachen Fürsprache und Unterhändler wider meine Feinde.

59. Herr, schaue, wie mir so unrecht geschieht, und hilf mir zu meinem Recht!

Recht: Nimm dich meiner Sachen an und handle darin. Ja sprich vielmehr das Urteil selbst darüber und verschaffe, dass demselben auch nachgesetzt und es vollstreckt werde. [Denn es ist kein besserer Fürsprecher, auch kein besserer Richter als Gott der Herr, dem seine Sachen hinaus zu führen heimstellen soll, wer Unrecht leidet].

60. Du siehst alle ihre Rache und alle ihre Gedanken wider mich.

Rache: Wie sie so ganz rachgierig sind, dass sie ihr Mütlein nicht genügend an mir kühlen können.

Gedanken: Dass sie darauf umgehen, wie sie mich vertilgen mögen. [Denn die Feinde der Kirche behalten noch ein rachgieriges Gemüt, wenn sie gleich den Sieg erhalten haben, weil sie vom Teufel getrieben werden, der ein Lügner und Mörder von Anfang ist {Joh 8}].

61. Herr, du hörst ihre Schmach und alle ihre Gedanken über mich,

Schmach: Ihre giftige Stichreden, die sie wieder mich aus stoßen. [Denn über das, dass die Frommen geplagt werden, müssen sie noch dazu auch der Gottlosen Gespött sein].

Gedanken: Dass sie mich gerne wollten zugrunde richten. [Denn die Feinde der Kirche sind damit nicht vergnügt, dass sie derselben viel Plage antun, sondern begehren sie auch ganz zu vertilgen. Aber solche ihr Vorhaben hindert Gott].

62. die Lippen meiner Widerwärtigen und ihr Dichten wider mich täglich.

Lippen: Damit sie so stolz wider mich, deiner Kirche, reden.

63. Schaue doch; sie gehen nieder oder stehen auf, so singen sie von mir Liedlein.

Liedlein: So verachtet bin ich vor ihren Augen, dass sie mir zum Gespött und Verachtung ein Liedlein vorsingen. [Aber solche Schmach und Verachtung wird Gott mit ewiger Herrlichkeit belohnen].

64. Vergilt ihnen, Herr, wie sie verdient haben!

Verdient haben: Und wie sie mit mir umgegangen sind, so handle wieder mit ihnen.

65. Lass ihnen das Herz erschrecken und deinen Fluch fühlen!

Erschrecken: Tue ihnen das Herzeleid an und stürze sie wieder in große Angst und Not, dass sie alles Unglück überfalle.

66. Lass ihnen das Herz erschrecken und deinen Fluch fühlen!

67. Verfolge sie mit Grimm und vertilge sie unterm Himmel des Herrn.

Verfolge: Dass sie der Strafe nicht entgehen können.

Vertilge sie: Dass sie in der Welt nirgends mehr gefunden werden. [Denn obwohl die Frommen bisweilen auch für ihre Feinde bitten sollen {Mt 5}. Jedoch so bittet der Heilige Geist in der gottseligen Herzen wider die verstockten Feinde der Kirche und wünscht ihnen ihr Verderben. Welches aber aus keiner fleischlichen Rachgierigkeit geschieht, sondern aus göttlichem Eifer: Und sind solche Wünsche ganz kräftig].


Das 4. Kapitel.


1. Die große Hungersnot wird beschrieben, welche die zu Jerusalem in der Belagerung erlitten haben. v. 1. 2. Wird auch die Ursache solches großen Unfalls angezeigt. v. 11. Und wird den Edomitern ihre Strafe gedroht. v. 21.

1. Wie ist das Gold so gar verdunkelt und das feine Gold so hässlich worden und liegen die Steine des Heiligtums vorne auf allen Gassen zerstreut!

Verdunkelt: Welches kurz zuvor ganz hell schimmerte. Will so viel sagen: Alle Herrlichkeit und Zierde ist von uns hinweggenommen worden. Es verstanden aber die Israeliten durch solche Herrlichkeit besonders den Tempel, weil sie nichts Köstlicheres hatten als denselben, nicht allein von wegen des stattlichen Gebäudes, sondern auch von wegen des Gottesdienstes.

Heiligtum: Des herrlichen Tempels. [Viel ein größerer Jammer aber ist es, wenn die lebendigen Tempel Gottes durch der Tyrannen Grausamkeit erschlagen hin und wieder auf den Gassen liegen].

2. Die edlen Kinder Zions, dem Golde gleich geachtet, wie sind sie nun den irdischen Töpfen verglichen, die ein Töpfer macht!

Gleich geachtet: Dass sie von ihren Müttern ganz lieb und wert gehalten waren, die sind in der Belagerung der Stadt von wegen der großen Hungersnot verlassen und wie ein geringer Scherben geachtet worden. [Denn es kommt eine Zeit, da auch die allerzartesten Personen jämmerlich sterben].

3. Die Drachen reichen die Brüste ihren Jungen und säugen sie; aber die Tochter meines Volks muss unbarmherzig sein, wie ein Strauß in der Wüste.

Tochter: Das ist: Die Weiber zu Jerusalem haben aus Mangel der Nahrung ihre liebsten Kinder müssen aus der acht lassen, dass sie dieselben nicht mehr haben säugen können. [Denn der übermäßige Hunger nimmt den Eltern alle natürliche Zuneigung zu ihren Kindern].

Unbarmherzig: nach Luther]. Sie kann ihre Kinder nicht säugen noch pflegen, welches doch tun die allergrausamsten Tiere, denn die Teuerung ist zu groß.

Strauß: Von dem geschrieben wird, dass er ein ganz ein närrischer Vogel sei, der seiner Jungen sich nicht achte.

4. Dem Säugling klebt seine Zunge an seinem Gaumen vor Durst; die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen breche.

Vor Durst: Denn die Mutter ihm keine Milch geben konnte, weil sie selber Hunger und Mangel litt in der Belagerung.

Breche: Und gebe, weil kein Brot in der Stadt war. [Es ist aber ein überaus erbärmlicher Anblick, wenn man der Kinder Stimme hörte, dass sie Brot begehren und keins vorhanden ist, damit wir aber solchen Jammer nicht erleben, so lasst uns von der Völlerei und Trunkenheit abstehen].

5. Die vorhin das Niedlichste aßen, verschmachten jetzt auf den Gassen; die vorhin in Seiden erzogen sind, die müssen jetzt im Kot liegen.

Verschmachten: Weil sie aus großer Hungersnot ganz matt und kraftlos geworden, dass sie umfallen müssen und auf der Gasse liegen bleiben.

Kot liegen: Da sie zuvor auf Purpur-Kissen zu Tische saßen, sind sie später auf der Gasse im Kot gelegen. [Dergestalt straft Gott die übermütige Pracht und Hoffart].

6. Die Missetat der Tochter meines Volks ist größer denn die Sünde Sodoms, die plötzlich umgekehrt ward und kam keine Hand dazu {1Mos 18v20 19v4}.

Größer: Wenn man es nach der zeitlichen Trübseligkeit rechnen will, so ist das Volk Gottes um seiner Sünden willen härter gestraft worden als die Sodomiter, welche plötzlich durch Schwefel und Feuer vom Himmel umgekommen und mit keiner langwierigen Belagerung geplagt wurden, wie die Bürger zu Jerusalem. [Aber langwierige Sünden verursachen auch langwierige Strafen].

7. Ihre Nazarener waren reiner denn der Schnee und klarer denn Milch; ihre Gestalt war rötlicher denn Korallen; ihr Ansehen war wie Saphir.

Nazaräer: Die von wegen ihres getanen Gelübdes sich von allen unreinen Sachen enthielten. Dieselben waren ganz hübsch und schön. Von der Nazarener Brauch aber und wovon sie sich enthalten müssen die ganze Zeit über ihres Gelübdes, findet man in 4. Mose 6.

8. Nun aber ist ihre Gestalt so dunkel vor Schwärze, dass man sie auf den Gassen nicht kennt; ihre Haut hängt an den Beinen und sind so dürre als ein Scheit.

Schwärze: Denn der Hunger macht die Haut schwarz.

Kennt: Man kann sie, die Nazarener, vor anderen Leuten nicht mehr erkennen oder unterscheiden.

Beinen: Weil das Fleisch aus großer Hungersnot sich verzehrt hat, so ist nichts mehr an ihnen als Haut und Bein.

Scheit: Ohne Saft und Kraft, wie ein dürres Holz. [Denn Gott achtet sich dessen wenig, dass man die äußerlichen Zeremonien hält, da inwendig im Herzen keine wahre Gottesfurcht ist].

9. Den Erwürgten durchs Schwert geschah bass weder denen, so da Hungers starben, die verschmachteten und erstochen wurden vom Mangel der Früchte des Ackers.

Geschah bass: Es ging denen besser, die mit dem Schwert plötzlich erwürgt wurden, als die mit Hunger sich lange quälen mussten und dennoch zuletzt starben. [Denn der Hunger ist ein viel ein größerer Jammer, als die sich einbilden oder glauben können, welche im Überfluss aller Dinge erzogen sind].

10. Es haben die barmherzigsten Weiber ihre Kinder selbst müssen kochen, dass sie zu essen hätten in dem Jammer der Tochter meines Volks.

Barmherzigste: Die zuvor ihre Kinder inniglich geliebt und mit herzlicher Zuneigung ihnen gewogen gewesen, sind gleichsam vor unleidentlichen Hunger von Sinnen kommen, dass sie aller mütterlichen Mitleidigkeit vergessen und in der großen Trübsal ihre eigene Kinder erwürgt und gegessen. [Solchen Jammer lasst uns mit gottseliger Nüchternheit abwenden].

11. Der Herr hat seinen Grimm vollbracht, er hat seinen grimmigen Zorn ausgeschüttet; er hat zu Zion ein Feuer angesteckt, das auch ihre Grundfesten verzehrt hat {Jer 17v27}.

Verzehrt: Denn der die Stadt Jerusalem in Grund verderben und zerstören lassen. [Und muss Gott bisweilen seiner Gerechtigkeit ernstes Beispiel sehen lassen, auf dass wir ihn lernen fürchten].

12. Es hätten es die Könige auf Erden nicht geglaubt noch alle Leute in der Welt, dass der Widerwärtige und Feind sollte zum Tore Jerusalems einziehen.

Geglaubt: Dass es hätte geschehen können. Denn es ist die Stadt Jerusalem auch bei den Ausländischen für unüberwindlich gehalten worden, weil sie Gott zu etlichen Malen wunderlicherweise erhalten hatte, besonders unter dem frommen Könige Hiskia, war so wohl befestigt, dass sie dem Ansehen nach für eine jede große Macht sich hätte sollen verteidigen können. [Aber sobald Gott seine Hand abzieht, so helfen keine festen Mauern oder Türme mehr].

13. Es ist aber geschehen um der Sünde willen ihrer Propheten und um der Missetat willen ihrer Priester, die drinnen der Gerechten Blut vergossen.

Sünde willen: Welche die einzige Ursache gewesen, dass ein solches großes Unglück über diese Stadt ergangen. [Denn es tut nicht der Feinde Macht, sondern der Zorn Gottes über der Einwohner Sünden, dass feste Städte zerstört werden].

Vergossen: Denn die falschen Propheten und gottlosen Priester verhetzten die Könige und das Volk, dass sie die rechten Propheten des Herrn umbrachten {Apg 7}. [Und ist das der vornehmsten Ursachen eine, um welcher willen Städte und Länder zugrunde gehen, wenn der unschuldigen Leute und besonders der frommen Kirchendiener Blut vergossen wird. Es ist aber die falsche Religion ganz grausam und blutgierig].

14. Sie gingen hin und her auf den Gassen wie die Blinden und waren mit Blut besudelt und konnten auch jener Kleider nicht anrühren,

Blinden: Nämlich die falsche Propheten schweiften herum und suchten den Weg.

Besudelt: Weil sie die Ursache daran waren, dass die unschuldigen Leute getötet wurden.

Nach Luther:]. Das ist: Sie hatten viel unschuldiges Blut vergossen.

Nicht anrühren: Das ist, was fromme Leute waren, die haben über der falschen Propheten unmenschliche Grausamkeit sich entsetzt und einen solchen Abscheu davor hatten, dass sie von solchen blutdürstigen Leuten sich auch nicht gerne anrühren lassen. [Denn wer wollte sich nicht vor der Grausamkeit scheuen?)

15. sondern riefen sie an: Weicht, ihr Unreinen; weicht, weicht; rührt nichts an! Denn sie scheuten sich vor jenen und flohen sie, dass man auch unter den Heiden sagte: Sie werden nicht lange da bleiben.

Riefen: Nämlich die frommen und gottseligen Leute schreien die falschen Propheten also an: Geht von uns hinweg und rührt nichts von uns an, dass wir von euer Unreinigkeit nicht auch besudelt werden.

Sie scheuten: Die Frommen mieden der gottlosen Buben Gemeinschaft, welche noch von der Unschuldigen Blut bespritzt waren. [Denn wir sollen unrechte Totschläger nicht recht heißen. Und hat Gott noch immer auch unter einem großen Haufen Gottloser etliche Fromme, welche der Bosheit und Grausamkeit feind sind].

Heiden: Welche unter denselben einen guten Verstand hatten.

Bleiben: Die Bürger in der Stadt Jerusalem werden nicht lange in ihrem Vaterland bleiben, weil Gott seines Volkes unmenschliche Grausamkeit nicht ungestraft lassen wird. [Denn des Volkes Gottes Sünden sind bisweilen so groß, dass auch die Heiden solche strafwürdig achten].

16. Darum hat sie des Herrn Zorn zerstreut und will sie nicht mehr ansehen, weil sie die Priester nicht ehrten und mit den Ältesten keine Barmherzigkeit übten.

Ansehen: Er will sich der unbußfertigen grausamen Leute nicht mehr annehmen, noch sie retten. Denn sie haben sich selbst ihre rechten Strafen über den Hals gezogen.

Übten] Ist ihnen deswegen Gleiches mit Gleichem vergolten, dass sie wiederum ohne alle Barmherzigkeit entweder erwürgt oder in eine elende Dienstbarkeit weggeführt wurden.

17. Noch gafften unsere Augen auf die nichtige Hilfe, bis sie gleich müde wurden, da wir warteten auf ein Volk, das uns doch nicht helfen konnte.

Hilfe: Die aus Ägypten kommen sollte, darauf wir vergebens in unseren größten Nöten hofften und uns danach umsahen, bis wir nicht mehr sehen konnten und uns das Gesicht darüber verging.

Nach Luther: Sie verließen sich auf Ägypten und Menschen und würgten getrost die frommen Propheten.

Nicht helfen konnte: Noch von des Königs zu Babel Hand errette. [Tun deswegen die närrisch, welche auf menschliche Hilfe ihr Vertrauen setzen].

18. Man jagte uns, dass wir auf unsern Gassen nicht gehen durften. Da kam auch unser Ende; unsere Tage sind aus, unser Ende ist gekommen.

Gehen durften: Denn die Feinde sahen von den Türmen, die sie an unseren Mauern aufgerichtet hatten, wo wir in der Stadt gingen und schossen mit Pfeilen auf uns, dass wir nicht mehr sicher aus dem Hause gehen durften: Gleichwie die Jäger dem Wild nachstellen und es mit Hinterlist erschießen.

Ende: Und rückte das Ziel herzu, welches Gott bestimmt hatte, dass die Stadt soll erobert werden. [Denn es kann das Ziel, so von Gott gesteckt ist, niemand überschreiten].

19. Unsere Verfolger waren schneller denn die Adler unter dem Himmel; auf den Bergen haben sie uns verfolgt und in der Wüste auf uns gelauert.

Verfolger: Nämlich die Chaldäer haben uns so schnell nachgesetzt, dass wir ihnen nicht entgehen können.

Gelauert: Denn da nach Eroberung der Stadt etliche in der Flucht zu entrinnen begehrt haben, sie weder auf den Bergen noch in der Wüste und unwegsamen Orten vor den Chaldäern sicher sein können, sondern sind von ihnen ertappt und zur Strafe gezogen werden. [Denn wir können dem Zorn Gottes nicht entfliehen, wenn wir nicht Buße tun].

20. Der Gesalbte des Herrn, der unser Trost war, ist gefangen worden, da sie uns verstörten, des wir uns trösteten, wir wollten unter seinem Schatten leben unter den Heiden.

Gesalbte: Nämlich der König des Volkes Gottes, Zedekia, der mit dem heiligen Öl gesalbt wurde.

Nach Luther:]. Unser König, denn wir meinten unser Königreich sollte keine Not haben und allen Heiden trotzen.

Trost war: Auf den wir all unsere Hoffnung hatten.

Gefangen worden: Und zum Könige zu Babel geführt. [Denn wenn die Obrigkeit gottlos ist, so kann sie weder sich noch ihre Untertanen schützen].

Heiden: Die in der Nachbarschaft um uns her wohnen und uns feind sind, damit sie uns nicht Schaden tun könnten.

21. Ja, freue dich und sei fröhlich, du Tochter Edom, die du wohnst im Lande Uz; denn der Kelch wird auch über dich kommen, du musst auch trunken und geblößt werden.

Freue dich: Mache dich nur lustig über uns und spotte unseres Elendes, wenn du kannst, denn es wird nicht immer währen.

Trunken: Dass du wie ein Betrunkener nicht bestehen könntest und nicht wissest, was du tun sollst, so wirst du mit Unfall überschüttet werden.

Geblößt: Das ist, du wirst vor deinen Feinden und benachbarten Völkern öffentlich zu Spott und Schanden werden, als wenn einer Weibsperson die Kleider abgezogen und zum Gespött bloß und nackt dargestellt würde. [Denn es verdrießt Gott übel, wenn jemand aus großem Mutwillen den Trübseligen noch mehr Leides zufügt und der Elenden spottet].

22. Aber deine Missetat hat ein Ende, du Tochter Zion; er wird dich nicht mehr lassen wegführen; aber deine Missetat, du Tochter Edom, wird er heimsuchen und deine Sünden aufdecken.

Missetat: Nämlich die Strafe, so um deiner Missetat willen über dich ergangen ist.

Ende: Dass du weiter nichts Widerwärtiges mehr zu erwarten hast oder dich besorgen darfst, denn du hast die Strafen deiner Sünden ausgestanden, darum fasse wiederum ein Herz, du Volk Gottes.

Heimsuchen: Gott wird euch Edomiter mit schrecklichen Strafen heimsuchen, eure Sünden an den Tag bringen und dieselben aufs ernstlichste strafen. [Denn wenn Gott seine Kinder gezüchtigt hat, so schüttet er später seinen Zorn über die Verfolger der Kirche aus].


Das 5. Kapitel.


1. Der Prophet erzählt in was für ein Unglück das jüdische Volk aus gerechtem Urteil Gottes geraten sei. v. 1. 2. Danach wendet er sich mit seinem Gebet zu Gott und bittet um die Erlösung seines Volkes. v. 19.

1. Gedenke, Herr, wie es uns geht; schau und siehe an unsere Schmach!

Gedenke: Lass dir es zu Herzen gehen und führe dir es aus väterlicher Zuneigung zu Gemüt.

Geht: In was Jammer und Unglück wir geraten sind.

Schmach: In was großer Verachtung wir leben, auf dass du durch unser Unglück gesättigt, uns einmal erlöst und dein Volk von der Verachtung rettest, dessen Schmach deine Schmach ist. [Also sollen auch wir in unsere Not zum Gebet unsere Zuflucht haben, weil niemand ist, der so ein großes Mitleiden mit uns hätte als Gott selber].

2. Unser Erbe ist den Fremden zuteil worden und unsere Häuser den Ausländern.

Erbe: Das Land Kanaan, welches du uns zum Erbe eingegeben hattest, besitzen jetzt die Chaldäer. Denn es hatte Gott den Israeliten gedroht, dass sie aus dem Lande Kanaan sollten vertrieben werden, wenn sie seine Gebote nicht halten würden und würden andere ihr Land und Häuser bewohnen. [Es gehen aber Gottes Drohungen nicht leer ab].

3. Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsere Mütter sind wie Witwen.

Waisen: Wir sind so elend und von allen Menschen verlassen wie die Waisen und Witwen, derer sich niemand annimmt. Darum so möchtest du unser Gott uns mit Gnaden ansehen. [Welche aber von den Menschen keinen Trost haben, die nimmt Gott in seinen Schutz, wenn er aus Glauben angerufen wird].

4. Unser eigen Wasser müssen wir um Geld trinken; unser Holz muss man bezahlt bringen lassen.

Bezahlt: Denn die Chaldäer und andere Heiden, unter denen wir im Elend leben, erzeigen sich so unfreundlich und neidisch gegen uns, dass sie uns auch das Wasser nicht lassen vergebens trinken und wenn wir dürres Holz zum Brennen in unsere Haushaltung benutzen wollen, so steht es uns nicht frei, wir bezahlen es denn. [Also geschieht es, dass welche der Gaben Gottes als Wein und anders zum Überfluss missbrauchen, die haben endlich das Wasser nicht].

5. Man treibt uns über Hals und wenn wir schon müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe.

Über Hals] Man beschwert uns mit unerträglichen Bürden und handelt mit uns übel in unsere Dienstbarkeit.

Keine Ruhe: Denn die Chaldäer haben kein Mitleiden mit uns, sondern wenn wir gleich ermüdet sind, so treibt man uns doch zu harter Arbeit an, die zu verrichten uns unmöglich ist. [Dergestalt werden diejenigen gezüchtigt, welche, wenn es wohl geht, ihre Zeit in Faulheit und Müßiggang zubringen].

6. Wir haben uns müssen Ägypten und Assur ergeben, auf dass wir doch Brot satt zu essen haben.

Ergeben: Zur leibeigenen Dienstbarkeit, einesteils den Ägyptern, einesteils den Assyrern, nur damit wir unsere notdürftige Unterhaltung und Nahrung haben könnten, da wir ihnen doch sonst spinnefeind gewesen. [Denn welche der Freiheit zur Bosheit missbrauchen, die geraten in eine elende Dienstbarkeit].

7. Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehr vorhanden; und wir müssen ihre Missetat entgelten.

Entgelten: Wir werden um unserer Voreltern Bosheit willen gestraft. [Mit welchen Worten der Prophet doch Gott keiner Ungerechtigkeit beschuldigen will, sagt auch nicht, dass die Juden so zu seiner Zeit leben unschuldig sind, sondern lehrt, dass Gott der Väter Missetaten auch an den gottlosen Kindern strafe und also die Strafen aus gerechtem Urteil Gottes gehäuft werden. Sollen deswegen die Eltern ihrer Kinder schonen, dass sie dieselben nicht mit schweren Strafen belegen].

8. Knechte herrschen über uns und ist niemand, der uns von ihrer Hand errette.

Knechte: Schlechte heillose Leute, die nicht wert sind, dass ihnen andere Leute dienen sollten.

Errette: Wir können uns ihrer Herrschaft nicht entledigen. [Denn welche in glücklichem Zustande ihren Eltern und Obrigkeit nicht gehorsam sein wollen, die müssen manchmal harten, unbarmherzigen und unachtsamen Herren dienen, welche ihnen desto heftiger zusetzen, je liederlichere und heillosere Leute sie sind, nach dem Sprichwort: Kein Schermesser schärfer schert, denn wenn ein Bauer edel wird].

9. Wir müssen unser Brot mit Gefahr unseres Lebens holen vor dem Schwert in der Wüste.

Holen: Nämlich wie wir im Lande Kanaan übergeblieben sind und von den Chaldäern nicht erwürgt oder gefangen weggeführt worden, müssen unsere Nahrung sauer zuwege bringen, von wegen, dass wir uns vor den Mördern und Straßenräubern immer zu besorgen haben, die sich in der Wüste verborgen halten und wenn wir vorüber ziehen, uns etwa anfallen oder auf unsere Höfe uns unversehens überfallen, uns die Haut vollschlagen und das unsere mit Gewalt nehmen, wo sie uns anders nicht ganz erwürgen. [Denn man weiß, wie es zugeht, wo Kriegsleute gewesen, dass die beurlaubten Kriegsleute oft Freibeuter werden und auf den Straßen rauben und nehmen, was sie antreffen].

10. Unsere Haut ist verbrannt wie in einem Ofen vor dem gräulichen Hunger.

Verbrannt: Es ist keine Kraft noch Saft mehr in uns und geht uns wie einem Backofen, wenn man gleich lange Brot im selben bäckt, so bleibt er doch immer dürr: Also werden wir nie satt, wenn wir gleich viel essen und verzehrt, oder verbrannt, gleichsam der Hunger alle Kraft des Leibes in uns. [Also geht es endlich denen, die im Frieden sich ganz zu zärtlich halten und nur dahin sehen, dass sie ihres Leibes wohl warten].

11. Sie haben die Weiber zu Zion geschwächt und die Jungfrauen in den Städten Judas.

Weiber: Die sie zu Jerusalem gefunden und gefangen haben. [Welches denn des größten Jammers einer ist, dass man zusehen und es geschehen lassen muss, dass ehrliche Weiber und Jungfrauen schändlich gehalten und verunehrt werden. Darum sollen wir in der Furcht Gottes keusch und züchtig leben, damit es nicht einmal in Deutschland auch also zugehe].

12. Die Fürsten sind von ihnen gehenkt und die Person der Alten hat man nicht geehrt.

Nicht geehrt: Sondern man ist jämmerlich mit ihnen umgegangen. [Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person, wenn er zornig ist und straft].

13. Die Jünglinge haben Mühlsteine müssen tragen und die Knaben über dem Holztragen straucheln.

Straucheln: Weil die Chaldäer ihnen große Bürden aufgelegt, denn sie tragen können. [Lasst uns aber Gott bitten, dass wir in Deutschland einmal nicht erfahren müssen, was da sei leibeigen sein].

14. Es sitzen die Alten nicht mehr unter dem Tor und die Jünglinge treiben kein Saitenspiel mehr.

Tor: Da man vorzeiten Gerichtstage hielt.

Saitenspiel: Damit sie sich sonst zu erlustigen pflegen. [Also straft Gott der Gerechtigkeit im Gerichte und dem Saitenspiel zur Üppigkeit Missbrauch].

15. unseres Herzens Freude hat ein Ende, unser Reigen ist in Wehklagen verkehrt.

Verkehrt: Aus dem Tanzen und Frohlocken ist ein Heulen und Zetergeschrei geworden. [Denn weil man in der zeitlichen Freude oft kein Maß hält, so folgt ein trauriges Ende darauf].

16. Die Krone unseres Hauptes ist abgefallen. Oh wehe, dass wir so gesündigt haben!

Krone: Wir haben unseren König samt dem Königreich und desselben Schmuck verloren. [Denn Gott richtet die Königreiche auf und stürzt sie auch um der Leute Bosheit willen wiederum zu Boden].

Gesündigt: Welches die einzige Ursache solchen Jammers ist, dass wir mit unseren Sünden Gott erzürnt und dadurch unseren Sachen übel Rat geschafft haben. [Sollen wir deswegen die Ursache unseres Unfalls uns selbst zumessen und unsere Sünden uns von Herzen lassen Leid sein, so wird Gott um Christi, seines eingeborenen Sohnes willen, sich unser wieder erbarmen].

17. Darum ist auch unser Herz betrübt und unsere Augen sind finster geworden

Darum: Weil wir Gott so hoch beleidigt haben.

Finster worden: Dass wir das Licht der Fröhlichkeit nicht sehen, sondern vor unseren Augen lauter Traurigkeit und Jammer schwebt.

Nach Luther: Das Gesicht vergeht uns und ist alles schwarz vor den Augen vor großem Jammer und Leid.

18. um des Berges Zions willen, dass er so wüst liegt, dass die Füchse darüber laufen.

Darüber laufen: Welches uns am allermeisten wehe tut, dass der Tempel zu Jerusalem niedergerissen, verbrannt und so verwüstet ist, dass am selben Ort, da man vorzeiten den Gottesdienst übte, jetzt die wilden Tiere herumlaufen. [Denn Gott schont die Orte, die zum Gottesdienst geheiligt worden nicht, wenn die Religion verfälscht ist].

19. Aber du, Herr, der du ewig bleibst und dein Thron für und für,

Bleibst: Dass dich aus deinem Reich niemand verstoßen kann, wie wir aus unserem Lande sind verstoßen worden: Sondern du hast ja das Regiment noch in Händen und wirst es auch wohl ewig behalten. Darum möchtest du uns als der allermächtigste König und ewiger Monarch mit Gnaden ansehen, die wir in unserem Elend zu dir fliehen.

20. warum willst du unser so gar vergessen und uns die Länge so gar verlassen?

Verlassen: Dass du uns so eine lange Zeit in der Feinde Gewalt bleiben lässt. Erlöse uns doch, die wir dein Volk sind, weil all unsere Hoffnung allein zu dir steht. [Denn ob wir wohl Gott weder Ziel noch Maß unserer Erlösung vorschreiben sollen, so mögen wir doch ungescheut bitten, dass er mit der Erlösung eilen wolle].

21. Bringe uns, Herr, wieder zu dir, dass wir wieder heimkommen; verneue unsere Tage wie vor Alters!

Zu dir: Denn wir sind jetzt im Elend, gleichsam von dir ab- und hinweggeführt worden.

Heimkommen: In unser Vaterland und dich im Tempel zu Jerusalem wieder ehren mögen.

Verneue: Richte die Religion und das Regiment wieder an, dass es in den vorigen Stand komme, wie es vorzeiten unter den frommen Richtern und Königen gewesen.

22. Denn du hast uns verworfen und bist allzu sehr über uns erzürnt.

Erzürnt: Du hast bisher deinen gerechten, dazu ganz ernstlichen, obwohl gerechten Zorn über uns ausgeschüttet, darum möchtest du dich weiter über uns wieder erbarmen, auf dass wir nicht unter der Trübsal ganz vergehen. [Diese Klagelieder Jeremia sollen uns erinnern, dass wir durch wahre Gottseligkeit und Buße den Zorn Gottes abwenden, damit uns nicht gleiches wie den Juden widerfahre: Und sollen Gott den Herrn bitten, dass er der betrübten Mitglieder der Kirche sich erbarmen wolle: Auch sollen wir durch unser ernstliches Gebet bei ihm anhalten, dass er uns die rechte Religion lasse und eine friedliche Regierung beschere und endlich aus dem Elend und Jammertal dieser Welt ins himmlische Vaterland einführe, da wir ihn, den ewigen wahren Gott, in alle Ewigkeit loben und preisen mögen Amen.